Reise in die Vergangenheit Berlins                                                                            zurück    Seiten: 1-20  21-40  41-60

(verfasst im Jahr 1952)                                         
 

Bln_Bild_061.jpg

61. Vornehme Gäste

Das der Zigeunersprache entstammende Wort Kaschemme* bezeichnet im engeren Sinne eine Verbrecherkneipe. Aber der Raum, den Paul Simmel hier Kaschemme' nennt, gehört kaum in diese Kategorie. Die Lokale, in denen sich die Hehler und Stehler, die großen und die kleinen Schieber zusammenfinden, sehen meist recht adrett und bürgerlich aus. Dieser niedrige, tapetenlose Raum ist einfach eine Kellerkneipe, in der die Habenichtse verkehren: Gelegenheitsarbeiter, Bettler, Straßenhändler und ihr weiblicher Anhang. Dass auch Straßenmädchen und ihre Freunde nicht hinausgewiesen werden, versteht sich am Rande. Der Volksmund nennt sie Bouillonkeller», da sie ursprünglich keine Konzession zum Ausschank von Alkohol hatten. Zu den Stammgästen gesellten sich in später Stunde die Nachtschwärmer: Künstler, Kellner, Studenten, Droschkenkutscher, Heimkehrer von Bällen. Die Damen im Abendkleid und die Herren in Frack und Zylinder, die aus den Bars des feinen Westens angefahren kamen, weil sie sich eine Sensation erhofften, waren meist recht enttäuscht; denn es passierte gar nichts. Der Künstler legt der .vornehmen» Besucherin deshalb die Bemerkung in den Mund: Sieh mal an, Wolfdietrich, hier tanzen sie auch Schieber!' Ja, auch Schieber, bloß ein bisschen ordinärer als auf der parkettierten Tanzplatte und mit Harmonikabegleitung anstatt zur weichen Musik von Geige, Cello und Konzertflügel. Die Tänzer wussten, was sie den Gästen mit der dicken Marie» schuldig waren und machten ihnen gern ein bisschen Theater vor. Denn es war klar, dass die ein paar hochprozentige Stubenlagen schmeißen mussten, - ehe sie sich im Automobil, das draußen wartete, von ihrem .Abenteuer' erholen durften.

Bln_Bild_062.jpg

62. Die erste Elektrische

Die Elektrische Kleineisenbahn auf der Berliner Hygiene-Ausstellung im Jahre 1879 war eine vergnügliche Sensation. Werner von Siemens hatte sie eingerichtet, um zu beweisen, dass die Elektrizität geeignet sei, als Antriebskraft von Verkehrsmitteln zu dienen. Das Bähnchen durchfuhr das Ausstellungsgelände mit 7 km Stundengeschwindigkeit. Der Fahrpreis betrug 20 Pfennige. Nachdem die Bahn einwandfrei funktioniert hatte, suchte Werner von Siemens nach einer Versuchsstrecke, auf der er in größerem Stil weiterarbeiten konnte. Er fand sie in einem unbenutzten Schmalspurgleis zwischen dem Bahnhof Groß-Lichterfelde und der Kadettenanstalt, das früher dem Materialtransport gedient hatte. Ein kleiner Straßenbahnwagen mit 12 Sitzplätzen vermittelte den Verkehr. Eine Dynamomaschine wurde installiert, die den Strom mittels unterirdischer Leitungsdrähte einer der Schienen zuführte. Der Strom wurde durch die Räder auf den unter dem Fußbodengestell liegenden Motor übertragen und floß durch die andere Schiene zurück zur Zentrale. Die Strecke war 2,5 km lang und wurde in sechs Minuten zurückgelegt. Der Wagen fuhr täglich zwölf mal hin und zurück. Kinder machten sich damals ein Vergnügen daraus, sich zwischen die Schienen zu hocken, sie mit den Fingerspitzen beider Hände zu berühren und sich elektrisieren zu lassen. Es ist niemand dabei zu Schaden gekommen. Schon im Frühjahr 1896 war das Versuchsstadium überwunden. 50 Triebwagen erschienen im Berliner Verkehr. Vier elektrische Straßenbahnlinien wurden eingerichtet, darunter die Siemensbahn, die von der Behrenstraße zur eben eröffneten Gewerbe-Ausstellung in Treptow lief. Der letzte Wagen der Großen Berliner Pferdeeisenbahngesellschaft fuhr am 6. Dez. 1902.

Bln_Bild_063.jpg

63. Café Josty

Am Potsdamer Platz zwischen Potsdamer und Bellevuestraße, den Torhäuschen gegenüber, befand sich in einem altmodischen Hause das Café, das jeder Berliner, jeder Besucher Berlins kannte. Wenigstens dem Renommee nach. Es war das Stamm - Café der Leute aus dem Geheimrat- und dem Künstler-Viertel. Da saßen Fontane und Wildenbruch, Bölsche, der Naturwissenschaftler, die Poeten Liliencron, Wolzogen, Bierbaum, Hartleben... Hier plauderten sie oder blätterten in den ausliegenden deutschen und ausländischen Zeitungen. Es gab „Journal – Tiger“, die, wie Se. Exzellenz der Maler Adolph von Menzel, einen Haufen Zeitungen um sich herumpackten und nur ungern wieder herausgaben. .Josty hatte seinen guten Ruf vom Urgroßvater her, der 1793 an der Stechbahn, gegenüber dem Berliner Königsschloss, eine Zuckerbäckerei eröffnet hatte: die erste „Conditorei“ in Berlin. Auch die Erste, was die Güte der Süßigkeiten betraf. Die Anekdote von dem Lieutenant, der 18 Windbeutel auf einmal verzehrte, ohne sich den Appetit und den Magen daran zu verderben, machte in der Stadt die Runde; Bonbons mit zärtlichen Inschriften trugen den Namen Josty in die höchsten Kreise. Nachdem die Conditorei wegen Abbruch des Hauses an der Stechbahn zur Schlossfreiheit übergesiedelt war und hier von dem Denkmal für Kaiser Wilhelm I. verdrängt wurde, gewann sie am Potsdamer Platz Weltruf. Von Cafe Josty' und seiner Terrasse behaglich dem weltstädtischen Getriebe zuschauend, verlieh ein internationales Publikum ihm den anspruchsvollen Titel „Der Balkon von Europa“. Der Bombenkrieg hat dem Café Josty ein Ende gemacht. Die Berliner Literatur war schon lange vorher ins Café Größenwahn an der Gedächtniskirche übergesiedelt.

Bln_Bild_064.jpg

64. Der Potsdamer Platz um 1900

Der Potsdamer Platz ist - im Gegensatz zu dem an ihn angrenzenden Leipziger Platz nie ein einheitlich geplanter und umbauter Platz gewesen. Wohl wollte schon der Oberbaudirektor Karl Friedrich Schinkel, der Vater des Berliner Klassizismus, einen runden Platz aus ihm machen und einen mächtigen Dom darauf setzen, der Berlin nach dem Westen monumental abschließen' sollte. Aber er hat sich schließlich damit begnügen müssen, die beiden antiken Tempelchen zu schaffen, die unter dem Namen Torhäuschen» allen alten Berlinern bekannt sind. Bis in die jüngste Zeit hinein erinnerten sie an das alte Potsdamer Tor und die Berliner Stadtmauer, die an dieser Stelle allerdings bereits um 1860 durch ein Gitter ersetzt war. (Die Torhäuschen sind, wie alle anderen Gebäude um den Platz herum, im Kriege zerstört worden.) Auch alle weiteren Pläne zur Umgestaltung des Platzes blieben unausgeführt. Er blieb weiter nichts als ein Kreuzungspunkt der nord-südlich und ost-westlich gerichteten Hauptgeschäftsstraßen und einiger Nebenstraßen. Der Fahrzeugverkehr der Weltstadt drängte sich durch diese Engpässe; seine Lenkung ist immer ein Problem geblieben. Einige Zeit versuchte man es mit Hilfe eines Verkehrsturmes. Die Berliner nannten ihn Oberkieker', weil ein Verkehrsschutzmann die grünen, gelben und roten Ampeln von einem in seine Spitze eingebauten Raum aus bediente. Auch er konnte das Problem nicht lösen. - Unsere Aufnahme aus dem Jahre 1904 zeigt noch die Pferdeomnibusse und die Droschken i. Klasse' einer geruhsameren Zeit, doch die elektrischen Bahnen sind schon Vorboten der kommenden Entwicklung. Heute ist der Potsdamer Platz, von der Sektorengrenze durchschnitten, öde und leer: die „Dreiländerecke“.

   
   
 
 zurück    Seiten: 1-20  21-40  41-60