Reise in die Vergangenheit Berlins zurück Seiten: 1-20 21-40 61-80
(verfasst im Jahr 1952)
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41. Ausflügler Im Sommergarten Gemälde von Theodor Hosemann Hosemann hat in diesem Bilde die Gemütlichkeit eines sonntäglichen Ausflugs eingefangen. Uf den Sonntag freu' ick mir', sang Berlin damals. Das bedeutete: stundenlang hinauspilgern auf staubiger Landstraße, mit Kind und Kegel, beladen mit Fressalien, um im Garten des Müllers Müller, Lietzower Weg, am roh gezimmerten Tische auf harten Bänken sich zu erholen. Solche nebenher betriebenen Wirtschaften gab's in Schöneberg, Moabit, Pankow und wie die 56 Dörfer um Berlin alle hießen. Wilde Wirtschaften' nannte die Hohe Obrigkeit sie und verbot ihnen das Ausschenken von Kaffee. Da steckten die Berlinerinnen in ihren Freßkober noch 'ne Tüte Gemahlenen und ließen ihn sich aufbrühen, eine riesige Kanne voll, samt Milch und Geschirr für ein paar Silbergroschen. Und wo ein Schild verkündete: Hier können Familien Kaffee kochen, machte die Familie halt. Die Weibsleute rennen in die Küche und brühen - aber keenen, der nich alleene aus der Kanne loofen duht -, brühen einen „Viersträhnigen“. Dann sitzen sie behaglich um die braune .Kaffeetante. Mutter öffnet ihren Strickbeutel, und das .Füllhorn' fließt über von Kuchen und Stullen. Nu ran an ´n Speck, dass die Schwarte knackt! Die Herren der Schöpfung heizen noch tüchtig von innen ein - und schon werden Leibröcke und Umschlagtücher, Hüte und Hauben an den Bäumen aufgebaumelt. Man lagert sich unter einen Busch. Die Alten machen ein Nickerchen. Liebespärchen rührt der Sonnenuntergang zu Tränen. - Als die Einwohnerzahl der Stadt sich der Million näherte, rissen die Garten- und Tanzetablissements mit ihren Orchestern, Akrobaten und Komödianten die Massen an sich; aber die Kaffeegarten-Idylle lebte im Liede fort: „Es war in Schöneberg, im Monat Mai ... „ |
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42. Dorf Tempelhof Aquarell von J. F. Hennig Eines der hübschen alten Dörfer um Berlin. Und dass es ein besonders hübsches war, das verdankte es den Tempelrittern. Die hatte der erste Kolonisator hierzulande, der Askanier Albrecht der Bär, auf seiner Wallfahrt nach Palästina kennen gelernt und für seine Kulturarbeit in Ostelbien gewonnen. Damals, vor 800 Jahren, hatten die Templer in geschützter Lage auf einer Anhöhe zwischen zwei Seen ihre Hofhaltung, die Komturei, mit der üblichen Festungskirche errichtet. Auch nach Auflösung des Ritterordens blieb Tempelhof eine gepflegte Residenz der Johanniter. Von diesen kaufte es Berlin - Cölln; doch der Mittelpunkt des Dorfes, der vornehme Komturhof, verlockte immer wieder Kurfürsten, Fürsten, Grafen, ihn zu erwerben, zu bewohnen. Das ganze Dorf bewahrte mit seinem vornehmen Ansehen auch ein vornehmes Aussehen und war darum einer der beliebtesten Ausflugsorte für die Berliner. Der ebenso beliebte Gastwirt Kreideweiß tat ein übriges: .Sonntag, den 1. Juni, ist bei mir Pfeifenschieben*, eine Woche darauf: Sonntag, den 8. Juni, ist bei mir Hahnenschlag, übernächste Woche lud er zum Aalgreifen' ein; und selbst mit Arbeit überlastete Personen von Rang und Namen, wie Bismarck und Moltke und Roon, ließen sich's den weiten Weg kosten, bei Herrn Kreideweiß in Tempelhof zu Gast zu sein. Doch es bleibt nicht mehr lange das hübsche Dorf; die Nähe Berlins wird ihm gefährlich, und 1863 schlägt seine Schicksalsstunde. Da verkauft es der letzte Gutsherr, ein Graf Stolberg, an einen Bankier Jaques. Der Bankier verkauft einzelne Ländereien an Bodenspekulanten, und die Spekulanten verkauften grundstückweise das Land, als die neu anlegte Ringbahn und der neue Teltowkanal (1910) zum Emporblühen Tempelhofs führten. |
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43. Rixdorf Kolorierte Radierung von J. F. Hennig Ursprünglich ein Hof der Tempelritter, nach seinem Gründer Richard genannt. Als ihn die Johanniter übernommen und Bauern angesiedelt hatten, wurde aus dem Richardshof ein ,Rixdorf'. Und als von dem katholischen Hause Usterreich aus Böhmen vertriebene protestantische Familien sich bei Rixdorf ansiedelten, gab es fortan neben Deutsch - Rixdorf noch ein Böhmisch - Rixdorf. Beide Dörfer lagen idyllisch eingebettet in Wiesen und Äcker, die im Norden bis ans Cottbuser Tor, im Süden an den Besitz der Familie von Britzke (Dorf Britz) reichten, im Osten an Treptows Heide, im Westen an die Hasenheide grenzten. Um 1790 war die Hasenheide, das ehemalige Hasengehege eines kurfürstlichen Jägermeisters, ein schöner Wald; von ihr zum Cottbuser Tor führte ein lieblicher Pfad. In der Gegend der heutigen Urbanstraße lagen die Schlächterwiesen; am heutigen Hermannplatz erhoben sich die Rollberge, sanfte Höhen des Teltow, mit Windmühlen über Windmühlen. Es war ein romantisch-genialer Plan, im Zuge der Rollberge geschmückte Terrassen anzulegen - die raue Wirklichkeit aber baute fünfstöckige Häuser auf dem Gelände. Vom alten Cölln her über Neu-Cölln am Wasser, über die Cöllnische Vorstadt wuchs die immer größer werdende junge Hauptstadt auf Rixdorf zu. Ringbahn und Pferdebahn beförderten die Bevölkerung, der Schifffahrtskanal zog die Industrie an. 1898 erhielt das fast 90 000 Einwohner zählende Dorf städtische Rechte; 1912 zur Großstadt angewachsen, taufte es seinen alten ehrlichen Namen in das großartiger klingende Neukölln um. Seitdem führt eine ununterbrochene Straße vom Cöllnischen Fischmarkt weit hinaus über den Richardplatz, der mit seinem alten Kirchlein einen spärlichen Rest Rixdorfs bewahrt. |
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44. Nollendorfplatz Aquarell von Franz Skarbina Einen unscheinbaren Erdflecken hat sich da Skarbina für sein Gemälde ausgesucht. Vielleicht, dass sein Malerauge die knuppigen Weiden gereizt haben. Sonst wäre noch erwähnenswert, dass an dieses Gelände Berlin, Charlottenburg, Wilmersdorf, Schöneberg grenzten. Das also war 1885 der Platz, um dessen Leere sich ein paar Jahre später das neue Zentrum Berlins zusammenziehen sollte. Doch er hieß schon „Nollendorfplatz“ - vorläufig, auf einem polizeilichen Bebauungsplan von 1862. Der Plan wieder hing mit dem Zug nach dem Westen zusammen, der um das Jahr 1800 eingesetzt hat. 1831 gab es eine Bellevue- und Tiergartenstraße, vor dem Potsdamer Tor das Geheimrats-, um die Matthäuskirche das Gelehrtenviertel. Eine Generation später wuchsen die Sehnsucht der eingepferchten Großstädter nach Landhäusern und die Großmannssucht der Kriegsgewinnler von 1864, 1866, 1870/71 nach palastartigem .Komfort'. Der Hamburger Carstenn begründete Lichterfelde, Friedenau, Halensee, Wilmersdorf; der Stettiner Quistorp baute die Villenkolonie Westend. Und 1882 ist das Jahr, in dem die neue Hauptstraße der Reichshauptstadt entsteht: Ein Engländer, John Booth, schuf aus einem alten Feldweg, auf dem die Kurfürsten durch den Tiergarten nach ihrem Jagdschloß zu reiten pflegten, den Kurfürstendamm. Auf den Nollendorfplatz zu rücken von Westen her Café Größenwahn, Kaiser - Wilhelm – Gedächtnis - Kirche, die Stätten des Vergnügens und des Luxus, die Hochschulen für Künste - von Osten her das Wohn- und Geschäftsviertel der Potsdamer Straße. Und der unscheinbare Erdflecken von 1885 ist zwanzig Jahre darauf ein weltstädtischer Platz mit Theatern, Gaststätten, Kreuz- und Querstraßen: der Drehpunkt zwischen Ost- und Westberlin. |
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45. Köpenick Aquarell von W. Barth Aus dem See, den Spree und Dahme an dem Ort ihres Zusammenflusses bilden, steigt die Inselstadt auf. Seine geschützte Lage war der gegebene Platz für jene Wendenburg, aus der Köpenick hervorging. Seine Lage an zwei Wasserstraßen begünstigte die Entwicklung der Stadt. Die wendische Wasserburg im Osten des riesigen Spreesumpfes und die askanische Wasserburg Spandau im Westen lagen sich zu Anfang der Geschichte Berlins feindlich gegenüber. In ihrer Mittewuchs Berlin-Cölln auf seiner Insel im Sumpfland zur Stadt an. Nach hundert Jahren hatten die Askanier auch Köpenick in ihrem Besitz, dann die Berliner, dann die Hohenzollern. Seitdem sind Köpenick und Spandau die Eckpfeiler des Berliner Bereichs. Zu Köpenick gehörte seit dem 15. Jahrhundert auch ein umfangreicher Besitz von Dörfern: Rahnsdorf, das uralte wendische Fischernest, das heute noch an der Kahnfähre etwas von der Verträumtheit eines Spreewalddorfes hat; Bohnsdorf mit seinen freundlichen Gärten; Grünau, das Paradies der Ruderer und Segler; Schmöckwitz, Müggelheim, Friedrichshagen; die Kolonie Grünerlinde, das Villenviertel Wendenschloß; und seine Wälder, wegen derer die jagdfreudigen Hohenzollern Köpenick bevorzugten. Bezeichnend für den Charakter der wasserreichen Stadt ist, dass ihr erstes bedeutendes Fabrikunternehmen aus einer Lohnwäscherei entstanden ist: Spindlers 200 Morgen große Reinigungsanstalt. Als Köpenick dann zu einer Industriestadt wurde, drängte die Bebauung über das Wasser hinaus. So ähnelt Alt Köpenick heute noch entfernt seinem Jugendbildnis. Und ein Hauch See- und Bergesduft weht wie einst durch seine Gassen herüber vom wetterwendischen Müggelsee und den klippenreichen Müggelbergen. |
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46. Dorf Pankow Aquarell von Ludwig Leopold Müller Das grüne' Pankow im Volksmunde und auf alten Bildern, ein "killekille" Pankow im Gassenhauer, ein gern verulktes ,,Pankow an der Panke". Doch eben von seiner Panke hatte es das "Grüne", Lind die Ortsnamen im Pankegebiet: Schönhausen, Schönerlinde, Schönholz, Schönwalde, Schörtow, weisen auf den lieblichen Charakter des Flüsschens. Auch das spricht für Pankow, dass ein Kurfürst hier seinen Vogelherd anlegte, sein Wohnhaus errichtete, und dass die Bauern, stolz auf ihr berühmtes Dorf, es hegten und pflegten. Und noch eines kam ihm zugute: Auf dem Pankower Lehnschulzengut und auf den benachbarten Gütern saßen Bürgermeister, Landrentmeister, ein Kriegsrat, ein Minister, Gräfinnen, eine Fürstin, ein Kurfürst, eine Königin, der König höchstpersönlich. Dass Friedrich II. für seine Seidenindustrie hier Maulbeerbäume anpflanzte, passte gut in die Landschaft; dass ein Papiermachergeselle das erste industrielle Unternehmen, eine Papierfabrik, hineinbaute, verdarb noch nichts. Auch dass wohlhabende Berliner sich neben den alten Feuerstellen ihre Sommersitze errichteten, konnte das Ansehen Pankows nicht verringern. Erst als das Dorf völlig in die ausgreifenden Arme der Vororte geriet, Äcker und Gärten zu Baustellen verwandt und die Landhäuser von Mietskasernen verdrängt wurden, ging es ihm wie seiner Panke, die in Pankow gerade noch die restlichen Grünflächen des Bürgerparks, des Schlossparks, des Krankenhausgartens erhält, aber unter dem Asphalt Berlins unbemerkt in die Spree mündet. Ein Beispiel dafür, was der Boden Groß - Berlins zu bieten vermag, wenn er nicht unter die Bauspekulation gerät, führt die Panke vor Augen, wo sie von ihrer Quelle her durch den Stadtbezirk 19 (Buch) munter plätschert: Ein idealer Wohnbezirk! |
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47. Spandau Radierung von Nagel Wer von Spandau nichts weiter weiß, als dass es ein Stadtteil Berlins ist, der macht sich schwerlich einen Begriff von der Selbständigkeit dieser Stadt und ihrer natürlichen Ferne von Berlin. In seinen Kindheitserinnerungen erzählt ein alter Berliner von seinen sonntäglichen Wanderungen mit den Eltern. Sie begannen gewöhnlich in frühester Morgenstunde. Durch den grünen Kastanienwald der Universität schimmerten eben die ersten Sonnenstrahlen; durch die Säulen des Brandenburger Tors mehrte sich die Glut der erwachenden Sonne; im Tiergarten zwitscherte es von allen Zweigen. Endlich war der Schlagbaum der Wegegeldabgabe erreicht. Schon vergoldete die Morgensonne Charlottenburg. Immer vorwärts, zwei Meilen! Es ging den Sandberg hinauf, der jetzt Westend heißt. Vom Spandauer Bock führte der Weg abwärts und bot in den sich senkenden Baumgruppen, durch welche schon die Türme Spandaus blitzten - während links der Wald emporstieg zur Bergkette der Pichelsberge -, einen malerischen Anblick. Rechts lag die wasserumgürtete Festung. Der Fluss, umkränzt vom dunklen Grün der Jungfernheide, belebte sich mit Booten. Nichts von Eisenbahn, Straßenbahn oder Kremser: Ein vierstündiger Marsch! - Und heute: Eins zwei drei mit der Stadt- oder Straßenbahn. Die alte Festung mit den Laufgräben, Palisaden, Schanzkörben, Kasematten, Mörsern, Kanonenkugeln ist geschleift. Aber der Juliusturm der Askanier aus dem 12.Jahrhundert steht noch in seiner sehenswerten (1590 vom Grafen Lynar erbauten) Zitadelle. Und die Stadt hat noch immer ihre Spandauer, liegt noch. immer äußerlich und innerlich weitab vom steinernen Berlin, am Rande des Spandauer Forstes, der Jungfernheide und des Grunewalds, dort, wo die Spree breit in die Havel strömt. |
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48. Dorf Lichtenrade Aquarell von Carl Leopold Tetzel Vor 60 Jahren noch konnte ein Maler ein Bild malen von einem Dorfe, das bloß 15 km vom Dönhoffplatz entfernt lag und doch aussah wie ein richtiges Dorf: Eines der simpelsten Dörfer und gerade in seiner natürlichen Einfachheit reizend. Sein Hauptreiz lag hinter den Zäunen und Scheunen und Ställen und Dunggruben: sonnenbeglänzte Kornfelder, ein rot und blau geblümter Cyanen- und Mohngarten, ein Schmetterlingsspielplatz. Das ist Lichtenrade - gewesen. Das war es, seit Kolonisten im 13. Jahrhundert hier in der Spreeniederung das Sumpfdickicht lichteten. Das blieb es durch sieben Jahrhunderte, bis Berlin die 56 Dörfer im Umkreis von 20 bis 25 km eingemeindete, bevölkerte, zubaute. Denn die l,/2 Millionen Menschen, die im Jahre 1893 auf einer Fläche von 25000 Morgen zumeist in Mietskasernen wohnten, strebten in den Dorfring, hoffend, hier würde die im Grunewald begonnene Landhaussiedlung fortgesetzt werden. Und als sich in dem Jahr der Eingemeindung, 1920, das Weichbild auf 350000 Morgen erweiterte, war für die nunmehr vier Millionen Menschen grünes Land genug da, um den Wohnraum Berlins in eine einzige Gartenstadt zu verwandeln. Was - von den paar Versuchen auf dem Tempelhofer Felde, in Frohnau oder Britz abgesehen - daraus geworden ist, veranschaulicht eine Fahrt durch die Hauptstraße des 13. Stadtbezirks: Tempelhof, ein steinernes Viertel, Mariendorf, ein Mosaik von ehemaligen Gehöften, zerstückelten Äckern, Mietshäusern, Laubenkolonien, hier und da ein Stück Siedlung, im Hinterland Fabriken; und Lichtenrade - der regulierte Pfuhl, die renovierte Kirche, die alten Gehöfte erinnern nur schwach an das Bild vor 60 Jahren, an Kornfelder, an Cyanen und Mohn und das alte Dorf Lichtenrade. |
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49. Die Glienicker Brücke um 1790 Aquarell von Nagel Der Große Kurfürst machte Potsdam zur Sommer-Residenz des brandenburgischen Herrscherhauses. Unter den Orten der Umgebung, die er zur Erweiterung seines Besitzes erwarb, befand sich auch das Gut Glienicke. Der Name stammt aus dem Wendischen. Glin heißt Lehm und deutet auf die Bodenbeschaffenheit der Havelufer hin. 1683 ließ der Fürst hier eine Holzbrücke schlagen, die wie alle Brücken jener Zeit mit einer so genannten Baumklappe versehen war, um hochbeladenen Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. Diese Brücke hat anderthalb Jahrhunderte lang den Verkehr über die Havel vermittelt. Erst von Friedrich Wilhelm III. bekam der Oberbaudirektor Karl Friedrich Schinkel, der Meister des Klassizismus, den Auftrag, eine neue Brücke zu bauen. Er passte sie dem aus Wäldern, Gärten und Seen gebildeten Landschaftsbilde an. Das ungeahnte Ansteigen des Verkehrs zwang schließlich dazu, diese Brücke abzubrechen. Im Jahre 1907 wurde eine Brücke aus Quadersteinen, Beton und Eisen errichtet, die das anmutige Landschaftsbild zerriss. Im letzten Krieg ist sie zerstört, in jüngster Zeit notdürftig geflickt worden. Heute ist sie Grenzübergang' zwischen Westberlin und dem sowjetisch besetzten Potsdam. - Das alte Schlösschen Glienicke stammte ebenfalls aus der Zeit des Großen Kurfürsten. Es hat unter seinen Nachfolgern als Grenadier-Lazarett, als Tapetenfabrik und als Seidenbauanstalt gedient, bis es mit Park und Gut vom Prinzen Karl, einem Sohne Friedrich Wilhelms 111., angekauft wurde. Er ließ ein neues großes Schloss errichten. Nördlich der Brücke, hoch am Havelufer, schuf Schinkel für ihn das Kasino» mit Freitreppe und Pergola, das, heute wiederhergestellt, Sportlern als Erholungsheim dient. |
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50. Gründerjahre Gemälde von Friedrich Kaiser Seit 1871 wurde Berlin mit Baugesellschaften überschwemmt. Die Bevölkerung war mit der fortschreitenden Industrialisierung schon in den sechziger Jahren sprunghaft angestiegen. Die fünf Goldmilliarden, die Frankreich nach dem Frankfurter Frieden als Kriegsentschädigung zahlen musste, hatten große Staatsaufträge veranlasst. Das Geld, das auf diese Weise in die Wirtschaft kam, wurde zur Gründung übermäßig vieler, oft sehr gewagter Unternehmungen verwendet, denen meist nur eine kurze Lebensdauer beschieden war. Zahllose Menschen kamen vom Lande nadi Berlin, weil sie dort höhere Löhne und einen besseren Lebensstandard zu finden hofften. Für sie mussten in kürzester Zeit Wohnungen beschafft werden. Am Wohnungsbau war die Behörde nur mit einem schematisch entworfenen Plan beteiligt, der nichts als lange, gerade Straßen und eine Anzahl von Plätzen vorsah, die im Schnittpunkte mehrerer dieser Straßen lagen. Die Ausnutzung von Grund und Boden und die Errichtung der Häuser wurde einzig der Bauspekulation überlassen, die kein anderes Ziel hatte, als aus möglichst vielen Wohnungen trotz niedriger Mieten möglichst hohe Gewinne herauszuschlagen. So wurde für Berlin die Mietskaserne mit vier Stockwerken, schmalen Fronten und einer Vielzahl von Hinterhöfen charakteristisch. Zwischen Wohnstadt, Geschäftsstadt und Fabrikstadt wurde kein Unterschied gemacht. Die Baugesellschaften zahlten ungerechtfertigt hohe Dividenden und heimsten riesige Börsengewinne ein. Schon im Jahre 1873 begann der Zusammenbruch. Aber der folgende große Krach» stürzte nur die Spekulanten. Der größere Teil der Bevölkerung wohnt noch heute in den vielfach unzulänglichen Quartieren, dem Erbteil der „Gründerjahre“. |
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51. Der Reichstag Aufnahme der Landesbildstelle Berlin Der erste Deutsche Reichstag wurde am 21. März 1871 von Kaiser Wilhelm I. im Weißen Saale des Königlichen Schlosses in Berlin eröffnet. Er tagte bis zum Jahre 1894 im ehemaligen Wohnhause des Bankiers Mendelssohn in der Leipziger Straße, gegenüber dem Dönhoffplatz. Zwar hatte er schon im Jahre 1881 auf Antrag der Reichsregierung beschlossen, ein Reichstagsgebäude auf dem Königsplatz errichten zu lassen, aber mit der Ausführung wurde erst drei Jahre später begonnen. Der nach den Plänen Wallots errichtete Monumentalbau war 137 m lang, 103 m breit und bis zur Kaiserkrone auf der vergoldeten Glaskuppel 75 in hoch. 500 Arbeiter waren zehn Jahre damit beschäftigt, die gewaltigen Sandsteinmauern aufzuführen, sie äußerlich mit einer Überfülle von Figuren und Wappen zu schmücken, innen die nach Hunderten zählenden Säle, Sitzungs- und Bürozimmer fertig zu stellen, die auf Säulen ruhten und durch Galerien miteinander verbunden waren. 30 Mill. Mark hat der Bau verschlungen. Die Mittel waren der französischen Kriegsentschädigung entnommen worden. Wilhelm Il. hat die im Plan höher gewölbte Kuppel zum Schaden der architektonischen Wirkung niedriger legen lassen, weil er nicht wünschte, daß das Volkshaus die Schlosskuppel überrage. Die Inschrift Dem Deutschen Volke» an der Stirnseite über der Freitreppe hat er erst in den letzten Tagen des ersten Weltkrieges genehmigt. Auf der Freitreppe des Reichstages zeigte sich Hindenburg zum ersten Male als Reichspräsident dem Volke. Am 27. Februar 1933 wurden der Plenarsaal und andere Teile des Gebäudes das Opfer einer ruchlosen Brandstiftung. Die Ruine steht heute inmitten eines Trümmerfeldes wie das Sinnbild einer Zeit, die unwiederbringlich dahin ist. |
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52. Wohnungsnot um 1872 Holzschnitt von EkwalI In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in Berlin eine Wohnungsnot, die die heutige ohne Zweifel übertraf. Sie wurde durch den Zustrom großer Menschenmengen nach dem siegreichen Kriege nicht erst hervorgerufen, sondern nur verschärft. Der Holzschnitt von EkwalI zeigt die Ärmsten der Armen: die Obdachlosen, die sich ihre Elendsheime aus Brettern selber zusammenzimmern mussten. Eine soziale Fürsorge, die ihnen mit Barackenbauten und Behelfsheimen aushalf, gab es damals nicht. Auch Begriffe wie Alu, Alfü und Sozialrente waren unbekannt. Nur eine Armendirektion gab es, bei der ein paar Taler Unterstützung zu haben waren, die von ehrenamtlichen Armenkommissionsvorstehern verteilt wurden. Manchmal griff auch die kirchliche Liebestätigkeit ein. Private Wohltäter, wie sie auf dem Bilde gezeigt werden, waren selten. Und was sie den Kindern und den alten Leuten zu geben vermochten, konnte keine durchgreifende Hilfe bieten. Aber auch bei denen, die ein Dach über dem Kopfe hatten, bestand in weitem Umfange Wohnungsnot. Sie wurde enthüllt von der ersten Berliner Volkszählung, die um jene Zeit angestellt wurde. Damals wohnten in Berlin 48326 Menschen von der 521933 Köpfe zählenden Gesamtbevölkerung in Kellerwohnungen. Das war fast ein Zehntel der Bevölkerung. Von den 105 811 Berliner Wohnungen hatten 51909, also fast die Hälfte, nur ei n heizbares Zimmer. In ihnen lebten 224 406 Bewohner. Jedes Zimmer war im Durchschnitt mit vier oder fünf Menschen belegt. Doch es gab über 60 000 Menschen, die zu sieben, acht, ja bis zu elf Köpfen das eine heizbare Zimmer bewohnten. Im Vergleich hiermit können wir die keineswegs ideale Gegenwart beinahe als gute neue Zeit» bezeichnen. |
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53. Villa im Grunewald Walter Leistikow hat auf seinen Bildern die stille Schönheit der märkischen Kiefernheide und ihrer dunklen Seen mit großen Flächen und klaren, einfachen Linien dargestellt. Er erweckte im großstädtischen Beschauer den Wunsch, fern den hohen Häusern und den lärmenden Straßen mitten im Grünen wohnen zu können. Dieser Wunsch ist es gewesen, der in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre die ersten Landhäuser der Kolonie Grunewald entstehen ließ. Noch scheint es dort keine geschlossenen Straßenzüge zu geben, in denen die Villen reihenweise stehen. Diese Entwicklung hat erst eine spätere Zeit gebracht. Dem Bau der ersten Landhäuser war die Anläge des Kurfürstendamms vorausgegangen, für die der schottisch-deutsche Baumschulenbesitzer John Booth im Jahre 1882 die Konzession erhielt. Es handelte sich um einen alten staatlichen Feldweg, der nun in eine breite Zugangsstraße zum Park Grunewald verwandelt wurde. Booth bekam für den Bau einen Anspruch auf 254 Hektar des Grunewaldes zu 1,20 M für den Quadratmeter. Auf diesen 254 Hektar ließ die Deutsche Bank die Villenkolonie Grunewald entstehen. Die geschäftliche Seite der Unternehmung sieht nicht so idyllisch aus wie das Leistikowsche Bild. Der Bau des Kurfürstendamms kostete etwa 5 Millionen Mark. Das Gelände in seiner Umgebung stieg im Vergleich zu den sechziger Jahren um das 600-fache des Ackerwertes. Aber nicht nur die Baugesellschaften, auch die privaten Eigentümer spekulierten. Heute haben sich die Besitz- und Vermögensverhältnisse draußen grundlegend geändert. Die Kolonie hat schwere Bombenschäden erlitten. In den alten Villen wohnt oft eine Vielzahl von Mietern. Die Villenkolonie ist nicht mehr die Hochburg gesicherten Reichtums wie zur Kaiserzeit. |
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54. Die Siegesallee Im Jahre 1895, an seinem Geburtstage, verkündete Wilhelm Il. den Berlinern, dass er sich entschlossen habe, in der Siegesallee, der Straße durch den Tiergarten, die vom Kemperplatz zum Königsplatz führte, marmorne Standbilder der Fürsten Brandenburgs und Preußens errichten zu lassen, beginnend mit dem Askanier Albrecht dem Bären und endend mit Kaiser Wilhelm I. Neben ihnen sollten die Büsten je zweier für die Zeit des dargestellten Fürsten besonders charakteristische Männer aufgestellt werden. In den folgenden Jahren wurden 32 überlebensgroße Statuen nebeneinander in zwei langen Reihen zu beiden Seiten der Allee aufgebaut. Eine Marmorbank umschloss im Halbrund jedes Postament. Auf ihren Lehnen standen die Büsten der 64 Persönlichkeiten, die das Zeitalter der einzelnen Herrscher kennzeichnen sollten. Bis in die Hitlerjahre hinein haben sie dort gestanden. Dann wurden sie im Zuge der geplanten Umgestaltung des Königsplatzes, der auch die Siegessäule weichen musste, in einen stillen, baumreichen Tiergartenweg versetzt, der auf den Großen Stern zulief. Im Kriege wurden sie großenteils von Bomben zerstört. Der Tiergarten wurde in den Notwintern nach dem Kriege von frierenden und hungernden Menschen abgeholzt und in dürftiges Kleingartenland verwandelt. Die verkrüppelten Statuen mit ihrer trostlosen Umgebung machten einen niederschmetternden Eindruck. Erst 1950 konnte der Berliner Senat die Mittel freimachen, die den Abbau der Ruinen ermöglichten. 1600 Tonnen Marmor mussten bewegt werden. 60 Arbeiter waren vier Monate damit beschäftigt. Nur die Denkmäler Albrechts des Bären und Friedrich Wilhelms IV. waren unbeschädigt. Sie sollen einem Museum überwiesen werden. |
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55. Nach dem Ersten Weltkrieg "Musik der Straße" von Walter Trier Das Bild "Musik der Straße" von Walter Trier kennzeichnet mit wenigen Figuren die Lage tausender Berliner nach dem ersten Weltkriege. Bedeutungsvoll ist schon der Hintergrund: die nur angedeutete Silhouette des Alexanderplatzes mit der schattenhaften Gestalt der Berolina. Sie blickt auf zwei aus dem Felde zurückgekehrte Soldaten. Der eine dreht den Leierkasten, für den er dem Entleiher abends den größeren Teil der ihm gespendeten Almosen abgeben muss. Der andere handelt mit Zigarren und Zigaretten zweifelhaften Inhalts, vom Berliner mit Galgenhumor als Marke „Jlimmerschiefer“ bezeichnet: „je länger se jlimmt, desto schiefer wird se“. Als Vertreter der daheim Verelendeten gesellt sich zu ihnen ein Wursthändler-Ehepaar, das Heißwasserkessel und Ware auf einem ausgedienten Kinderwagen aufgebaut hat. Der Wurstpreis: Stück eine Mark, weist auf die zunehmende Inflation hin, die damals noch wenig bemerkt wurde. Die beiden Soldaten und der Junge, der mit Malzbonbons handelt (viele Eltern schickten damals ihre Kinder auf die Straße, um ein paar Groschen mitzuverdienen), singen den Refrain des Schlagers mit, den der Leierkasten vordudelt. Musik der Straße. Zur gleichen Zeit wird in Berlin noch eine andere Musik der Straße gespielt: Spartakus erhebt sich. Maschinengewehrsalven knattern über den Alexanderplatz. Die Garde Kavallerie-Schützendivision erobert Schloss und Marstall, die von den Revolutionären besetzt sind. Freikorps schlagen einen zweiten Spartakusaufstand nieder. Wenige Monate später putscht Kapp. Aber 120000 Kriegsbeschädigte und ebenso viele Kriegswitwen und -waisen sorgen dafür. dass die Musik des Elends auf der Straße noch viele Jahre danach nicht verstummt. |
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56. Hoffest im Schloss Adolph Menzel Im Mittelpunkt der Wintervergnügungen standen die Hoffestlichkeiten, denen beiwohnen zu dürfen der Traum jeder höheren Tochter, jedes akademisch gebildeten Mannes war. Ein Traum, der kaum je sich verwirklichte, wenn man nicht von hohem Adel war. Doch Adolph Menzel, der die Feste durch seinen genialen Pinsel verewigte, erhielt die Einladungskarte aus weißem Karton mit dem Kaiseradler schon lange, bevor er selber den Schwarzen Adlerorden mit Adelstitel erhalten hatte. - Das Bild ist keine Porträtstudie. Porträtähnlich sind nur der alte Kaiser Wilhelm I. und der rechts hinter ihm stehende Kronprinz gezeichnet. Die vom Kaiser beim „Cercle“ mit freundlichem Lächeln angesprochenen Damen mit tiefem Dekollet6, Schleppe und Turnüre, wie der aus Frankreich stammende „Cul de Paris“ in der Sprache der feinen Leute genannt wurde, sind nur typisch aufgefasst, ebenso wie die Diplomaten und Minister, die den Hintergrund des Bildes füllen. Wir haben die Schilderung des berühmten Altphilologen der Berliner Universität Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf von einer solchen „Cour“. Der alte Kaiser, so sagt er, kam zu seinen Gästen und sprach außer den Neuvorgestellten viele an. Dann folgte das Souper. Wilamowitz beklagt, dass dieser familiäre Brauch von Wilhelm II. abgeschafft wurde. Die große Cour wurde zu einem stummen Vorbeimarsch vor dem Kaiser und der Kaiserin, die unter einem Thronhimmel standen. Die Geladenen mussten lange warten, ehe sie ihre Verbeugung machen konnten. Mit Genugtuung notiert der Gelehrte, dass ihm sein Freund Harnack, der bei Hofe schon Bescheid wusste, ein Glas Sekt verschaffte, der in einem Zimmer an der Treppe den „Wissenden“ ausgeschänkt wurde. |
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57. Hoffest in ZilIes „Milljöh“ Auch in den Häusern, wo arme Leute wohnen, werden Hoffeste gefeiert. Heinrich Zille hat eines von ihnen mit seinem Zeichenstift festgehalten und in sein Buch „Mein Milljöh“ aufgenommen. Aber es ist kein gewöhnliches Hoffest mit Lampignons, Leierkasten, Bonbonregen für die Kleinen und anschließendem .Schwoof auf dem Zement - Parkett für die Großen, sondern eine veritable Zirkusvorstellung, die er zeigt. Das Publikum besteht aus vier Zuschauern, die sich aus den Fenstern lehnen. Die Seiltänzerin, die auf einem Brett vom Müllkasten zur Regentonne voltigiert, ist vielleicht das Töchterchen von Kulicke, dem Schuster, der vorn im dunklen Keller mit Ahle und Pfriemen an seinem von der Schusterkugel beleuchteten Arbeitstisch sitzt und die Löcher invalider Fußbekleidung mit „Riestern“ verstopft, und der Steppke, der den Clown macht', gehört wohl dem Bettler aus der Bodenkammer, der zu sagen pflegt: „Bei die ville Konkurrenz muss man wahrhaftig Jott danken, det eenen wenigstens . n Been fehlt.“ Die Kunstreiterin hoch zu Ross, das sonst für Vatern kleine Fuhren' zieht, meint anerkennend: „Maxe macht den Hund recht natürlich!“ Und Maxens Mutter im Fenster ruft mit schnellem Berliner Witz: „Ja, wenn wa bloß nich zur Hundesteuer ranjezogen werden!“ Das Bild ist für den Künstler und den Menschen Zille kennzeichnend. Wohl stellt er auch die traurigsten Erscheinungen des Arme-Leute-Milieus dar, aber er ist dennoch kein Ankläger, er bleibt Humorist, und sein Humor hat stets etwas Versöhnendes. So sind auch diese Zirkuskünstler des Hinterhofes zugleich Lebenskünstler. Sie verstehen, aus ihrem dürftigen Milieu das herauszuschlagen, was ihnen wie jedem nur in seltenen Stunden beschert ist: unbeschwerte Freude am Spiel. |
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58. Castans Panoptikum Zu Anfang der siebziger Jahre hatten die Gebrüder Castan den glücklichen Gedanken, auch in Berlin ein Wachsfigurenkabinett zu schaffen, wie es sie in Paris und London schon seit mehr als hundert Jahren gab. Ein Berliner Geschäftshaus an der Stechbahn, das zum Arger des alten Kaisers vom Volke das "Rote Schloß' genannt wurde, war die erste Stätte von Castans Panoptikum'. Der Zulauf war so stark, das Bedürfnis nach Vermehrung der Schaugegenstände so groß, dass es schon im Jahre 1873 in eine ganze Etage der neu erbauten Kaiser - Galerie verlegt werden konnte, die vom Berliner weniger feierlich - einfach als Passage bezeichnet wurde. Bei der Einweihung der neuen Räume waren sogar der Kaiser und die Kaiserin anwesend. Sieben Jahre später siedelte es in noch größere Säle über, die nahe der Passage im neuen Pschorrhaus an der Friedrichstraße lagen. Die Figuren: Kaiser, Könige unter Thronhimmeln, Staatsmänner, Feldherren, Erfinder und andere Geistesgrößen, aber auch Volkstypen wie die Harfenjule und der Wurstmaxe mit Bauchladen und Monokel, Giftmörderinnen und andere Verbrecher wirkten mit ihren unmittelbar nach dem Leben oder nach bekannten Porträts geformten Köpfen in Haltung und Kleidung erschreckend natürlich. Eine "Schreckenskammer“ mit Folterwerkzeugen - Nur für Erwachsene -, ein Haremsbad - Nur für Herren und blutrünstige Bilder "Dies Tableau sollte nur von Nervenstarken betrachtet werden" lockten diejenigen an, die weniger Belehrung als Sensation suchten. Als das Kino aufkam, ließ das Interesse des Publikums für das Panoptikum nach. 1922 kam es unter den Hammer. Castans Figuren endeten in den Schaubuden von Rummelplätzen. |
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59. Lunapark Dem Rummel das Odium zu nehmen, dass er nur eine Vergnügungsstätte für die kleinen Leute» sei, ihm einen Platz in der großen Welt' zu verschaffen und damit den Berlinern einen standfesten Vergnügungspark aufzubauen, wie ihn New York auf Coney Island, Kopenhagen mit seinem Tivoli» besaß, das war der Plan der Unternehmer, die am 14. Mai 1904 am Halensee auf dem Gelände der Villenkolonie Grunewald den Lunapark» eröffneten. Der Erfolg gab ihnen recht: Schon Mitte Juli wurde der millionste Besucher gezählt. Der Lunapark wurde zu einer Sehenswürdigkeit, die zu besuchen kaum einer von den zahllosen Fremden versäumte, die damals die Hauptstadt des Reiches jahraus jahrein durchfluteten. Eine Berg und Talbahn mit Gebirgskulissen schien mit der Tauern- und der Albula-Bahn in Wettbewerb treten zu wollen. In einem Negerdorf sah man sechs Dutzend hellbraune Somalis kochen, essen, trinken, schmieden und tanzen. Schau-, Würfel und Schießbuden jeder Art sorgten für die Unterhaltung der Besucher. Auf der Wackeltreppe blies ein Luftstrom den Mädchen unter die Röcke. Auf dem Teufelsrad wurden Männlein und Weiblein wild durcheinander gewirbelt. Hoch am Seeufer war eine Schwimmhalle aufgebaut, in deren Becken viertelstundenweise von Schaufelrädern eine Art Nordseebrandung erzeugt wurde. Abends flammten 42000 elektrische Birnen auf: in der Zeit der Petroleum- und der Gaslampen eine tolle Sache. Von den monumentalen Restaurationsterrassen plätscherte eine Kaskade, die abends bunt erleuchtet war. Großveranstaltungen von Sport und Funk lockten. Trotzdem hat sich die Sensation des Lunaparks überlebt. 1929 wurde er geschlossen. Heute geht die Halenseestraße darüber hinweg. |
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60. Wannseebad um 1911 Noch zu Anfang unseres Jahrhunderts war das Baden im Freien polizeilich verboten. Wenn ein Förster oder ein Gendarm in einem freien Gewässer Badende erblickte, holte er sie unnachsichtlich heraus. Aber alle Verbote fruchteten nichts. Namentlich die anmutige Bucht des Wannsees zog an jedem Sommersonntag so viele Badende an, dass ein einzelner Gendarm ihnen gegenüber machtlos war. Da versuchte es die Gendarmerie des Kreises Teltow mit einer Reiterattacke. Die Gesetzesübertreter mussten weichen, obwohl sie den Angriff mit einer wirkungsvollen Spritzkanonade erwiderten, Schließlich hatte der Landrat Ernst Stubenrauch ein Einsehen. Er hob das Freibadeverbot auf und erließ eine Anweisung an die Gendarmen, sie sollten das Badeleben im und am Wannsee nur noch beaufsichtigen, damit es sich in gesitteten Formen abspiele. Bald nach der Jahrhundertwende zäunte ein Pächter einen Streifen des Wannseestrandes mit Stacheldraht ab und ließ ein paar Umkleidezelte errichten. Der Eintritt kostete zehn Pfennig. Nach dem Geschmack der alten Freibadefreunde war diese Badeanstalt nicht. Die Berliner Morgenpost' schrieb kurz nach der Eröffnung: Selbst in den Mittagstunden waren wenig mehr als hundert Menschen innerhalb des Stacheldrahtzaunes. Zahlreiche Personen standen vor dem Zaun und gaben ihrem Unwillen darüber Ausdruck, dass die Anstalt den Charakter des Freibades vollständig verloren habe. Unser Bild zeigt das Strandbad nach einer Vergrößerung des Geländes. Es steht bereits eine Reihe von Badezellen, und eine Militärkapelle schmettert einen flotten Marsch über die in hochgeschlossene, bis zum Knie reichende Badeanzüge eingehüllten Besucher und Besucherinnen. |