Reise in die Vergangenheit Berlins                                                                            zurück    Seiten: 1-20  41-60  61-80

(verfasst im Jahr 1952)                                         
 

Bln_Bild_021.jpg

21. Das alte Brandenburger Tor  

Unbekannter Zeichner

Bis zum Jahre 1735, als der Soldatenkönig die Stadtmauer mit ihren 19 Toren errichten ließ, hieß eine Zollstation im Tiergarten an der Mühlenbrücke „Brandenburger Tor“. Diesen Namen erhielt nun das in den Tiergarten führende neue Tor. Ein nüchterner Bau, der nur dazu diente, den Verkehr von und nach Berlin zu kontrollieren. Dort stand der Torschreiber, ein ausgedienter Soldat, dem "hart befohlen war, alles selbst zu besehen". Darum musste er eines Jeden mit sich führende Coffres, Felleisen, Bett- und Futtersäcke, Sitz- und Fußkasten, Packräume im Wagen, vorn und hinten und an den Seiten, aufs fleißigste, jedoch ohne Beschädigung der darinnen befindlichen Sachen durchsuchen. Hatte er alles nachgesehen, dann gab er den Torzettel, auf dem er genau eingetragen hatte wer die Sachen einbrachte, welche Waren und wie viel Stück es waren, und wie viel Pferde oder Ochsen vor den Wagen gespannt waren. Am 6. Juni 1735 konnten die Berliner in den „Wöchentlichen Berlinischen Frage- und Anzeigungs-Nachrichten“ lesen, wer als Erster das neue Brandenburger Tor passiert hatte: "Ihre Hoheit der Cron - Printz mit seinem Regiment, von Ruppin, Und 43 Jahre später. als genannter Cron - Printz der berühmte Friedrich II war, passierte am 15. Mai dieses selbe Tor: Die herzoglich Sachsen - Wevmarschen Kammerjunkers von Wedell und von Ahlefeldt und der Legationsrat von Göde, nämlich Johann Wolfgang von Goethe. Als das Berlin des 18. Jahrhunderts seine Mauern sprengt und die kleinliche Hauptpforte sich nicht mehr mit der großartigen Residenz vertrug, beauftragte Friedrich Wilhelm II. seinen Baumeister Langhans mit dem Bau eines würdigen Tores, durch das nun das rauschende Leben der Weltstadt Berlin ein- und ausströmt.

Bln_Bild_022.jpg

22. Die Leipziger Straße

Aquarell von P. Zielke

Als um 1700 die Bebauung der Friedrichsstadt fast bis zu der nach Leipzig führenden Straße, einer alten von Lindenbäumen flankierten Landstraße oberhalb der späteren Leipziger Straße, führte, lagen an der Grenze große Gärten, und in die Gärten führten geradlinige Wege zu propren und wohlmeublirten Gartenhäusern. Da standen tragbare Aprikosen- und Pfirsichbäume, und die Blumenbeete waren umgeben von phantasievoll geschnittenen Lorbeer- und Granathecken, aus denen steinerne Statuen herausragten. Diese Gartenstraße vom Spittelmarkt bis zum „Achteck – Marckt“ entwickelte sich allmählich zu einer Durchgangsstraße von Ost nach West, zur Ausfallstraße nach Leipzig, und so hieß sie dann auch. Drei Generationen später war dies Idyll vorbei. Ein zeitgenössischer Bericht aus dem Jahre 1788 klagt über den lebensgefährlichen Verkehr in dieser Straße, wo der Fußgänger zuweilen nicht weiß, wie er sich vor schnell fahrenden Wagen, vor Kot und Gossen hüten soll. Der eigentliche Fußweg wurde durch hohe Auffahrten vor jedem Hause unterbrochen. Da griffen die königlichen Behörden ein. Die Fahrdämme erhielten besseres Pflaster aus Granitsteinen, und später wurde auch für die Bürgersteige gesorgt. Im Jahre 1825 begann man auf Wunsch des Königs Friedrich Wilhelm III., in vier Straßen - Leipziger, Jäger-, Neue-Friedrich- und Königstraße - die so genannten Trottoirs aus breiten Granitbahnen anzulegen. Ein Drittel der Kosten mussten die Hauseigentümer tragen, zwei Drittel wurden durch eine neue Steuer aufgebracht: durch die Hundesteuer. Knapp sechzig Jahre später, am 16. September 1882 meldete Werner Siemens: Heute Nacht hat die Leipziger Straße zum ersten mal in elektrischem Glanz gestrahlt. Sie war Berlins Hauptgeschäftsstraße.

 
Bln_Bild_029.jpg

29. Der Potsdamer Bahnhof

Unbekannter Zeichner

Am 3. Oktober 1833 brachte die „Vossische Zeitung“ die Nachricht, dass ein Herr Dr. Schumann angeregt habe, die beiden Residenzstädte Berlin und Potsdam durch eine Eisenbahn zu verbinden. Die Eingabe des Dr. Schumann an den König blieb aber lange ohne Erfolg. Man reiste weiter mit der Postkutsche, obgleich sich schon acht Jahre vorher die erste Eisenbahnstrecke in England von Stockton nach Darlington bewährt hatte. Erst als im Jahre 1835 die Eisenbahn auch auf das Festland vordrang, zunächst mit der belgischen Strecke von Brüssel nach Mecheln und dann mit der ersten deutschen von Nürnberg nach Fürth, begann man in Berlin, das Projekt ernst zu nehmen. Am 22. September 1838 endlich wurde die Strecke nach Potsdam eröffnet. Es war ein großes Fest für die Berliner, als sie zum ersten mal mit der Dampfbahn fahren konnten. Und dem Vorurteil, dass nun Hoch und Niedrig im gleichen Zug sitzen sollten und dass der gemeine Mann mit der Bahn schneller fuhr als der Graf mit seinen vier Pferden, machte König Friedrich Wilhelm III. bald ein Ende, indem er mit gutem Beispiel voranging und selber mit der Bahn fuhr. Schnell stieg der Personenverkehr zwischen Berlin und Potsdam, der bis dahin durch sechs Postverbindungen täglich vermittelt worden war. Und bald folgte der Potsdamer Bahn die Anhaltische. Der rege Verkehr beider Bahnen hatte den schnellen Ausbau der Gegend vor dem Potsdamer und dem Anhalter Bahnhof zur Folge. Die Bahnhöfe waren im wahrsten Sinne des Wortes Höfe. Dreißig Jahre später fahren auf den 296 000 km langen Eisenbahnen der Erde jährlich 1500 Millionen Personen im 50-km-Tempo, und der 1872 erbaute Potsdamer Bahnhof mit seiner pompösen Treppenempore und Loggia bekommt das Gesicht eines Renaissancepalastes.

Bln_Bild_031.jpg

31. Kremser-Fahrten

Zeichnung von F.Wittig

Heute sieht man Kremser nur noch an Hirnmelfahrtstagen, wenn sie für die Herrenpartien aus dem Schuppen geholt werden. Unseren Großeltern waren sie ein liebgewordenes Beförderungsmittel ins Jrüne. Ein Mann namens Kremser war im Jahre 1822 auf die gute Idee des Kremsers gekommen. Vor seiner Zeit fuhr man auf Leiterwagen nach Schöneberg, Französisch-Buchholz, Treptow oder Stralau. Der Drang des Berliners ins Freie ist wohl so alt wie der Berliner selber: man zog mit Weib und Kind hinaus vor die Tore der Stadt, baute sich Laubhütten, aß und trank reichlich, und kehrte heim mit einem gesunden Rausch und mit zerschlagenen Gliedern. Jedenfalls: Wer bis zum Jahre 1822 es nicht vorzog, zu marschieren, mit dem Proviant für den ganzen Tag und die ganze Familie, der ließ sich auf den holprigen Landwegen von den stuckernden Leiterwagen tüchtig durchschütteln. Und da die Tore die Grenze waren, wo Berlins Geographie aufhörte, standen vor den Toren die Torwagen». In jenem Jahre nun kam der Herr Kremser auf die Idee, diese Rumpelkarren durch gedeckte vielsitzige elegante Wagen zu ersetzen und aus dem Brauch der Torwagen" und dem Vergnügen an Landpartien ein Großunternehmen zu machen. Nun standen zur Seite der Ausflugstore, vor allem des Brandenburger Tors, lange Reihen dieser Wagen. Bei schönstem Wetter, besonders an Sonntagen, war wirklich kaum Platz in ihnen zu finden. Und dabei kostete schon eine Fahrt nach Charlottenburg á Person 2 jute Jroschen. Die erste Pferdebahn, die 1865 vom Kupfergraben nach Charlottenburg fuhr, wird von den Kremserkutschern nicht schlecht beschimpft worden sein. Und die Eisenbahnen, Omnibusse. Elektrischen warfen dann die Kremser' vollends zum alten Gerümpel in die Schuppen.

Bln_Bild_032.jpg

32. Der Gesundbrunnen

Stich von Schleuen

Unter der Regierung König Friedrichs l. wurde der Berliner Gesundbrunnen links der Panke im Jahre 1701 entdeckt und in Holz eingefasst. Aber man beachtete ihn zunächst nicht. Erst 60 Jahre später interessierte sich der Apotheker Dr. Wilhelm Behm dafür. Er erhielt von Friedrich II. das ganze Gelände um die Quelle zum Geschenk und baute dann die erforderlichen Gebäude, legte einen großen Park an und nannte seine Schöpfung zu Ehren des Königs „Friedrichs Gesundbrunnen“. Die reichlich sprudelnde Quelle heilte angeblich Gicht, Ausschlag, Fieber, half Nervenkranken und Gliederkranken. Selbst Liebhaber des Weines wurden um die Maienzeit wahre Verehrer des sonst verschmähten Wassers. Das Bedürfnis nach ländlicher Ruhe, verbunden mit einer Wasserkur, die den Magen gründlich ausspülte, war so in Mode, dass die 21 Berliner Apotheker alljährlich in der Zeitung inserierten: „Denen Liebhabern, derer mineralischen Wässern oder Gesundbrunnen dient zur Nachricht, dass wiederum frisch angekommen Pyrmonter, Egersches, Sältzer, Seydschützer Bitterwasser nebst dessen Salz.“ Dieses Geschäft ging zu Ende, als sich die Wirkung des Berliner Gesundbrunnens herumgesprochen hatte. Später gehörte auch Königin Luise zu den Besucherinnen des Brunnens. Nach ihr erhielt im Jahre 1799 die Kuranstalt den Namen „Luisen – Bad“. Im vorigen Jahrhundert verlor der Brunnen seine Anziehungskraft. Aus dem Kurhaus wurde ein Gartenlokal, dessen Besitzer Konzerte veranstaltete und Landhäuser für Sommergäste errichtete. Doch die Gerbereien, die sich bald an der Panke ansiedelten, verleideten durch ihre übel riechenden Abwässer den Gästen den Aufenthalt im Garten. Der Gesundbrunnen als Kurort war erledigt. Brunnenstraße und Badstraße laufen heute darüber hin.

Bln_Bild_033.jpg

33. Stralauer Fischzug

Radierung von Theodor Hosemann

Am 24. August eines jeden Jahres. in aller Frühe, stachen die Stralauer Fischer mit drei Kähnen festlich in See. Im ersten fuhren die Musikanten und spielten fröhliche Weisen, im zweiten die Fischer, die ihre Netze auswarfen, und im dritten waren die Kübel für den reichen Fang untergebracht. Im Berlin der Biedermeierzeit strömte an diesem Tage alles, was Beine hatte, nach Stralau. Dort, auf der Landzunge zwischen Stralauer See und Spree, auf dem ehemaligen Rittersitz derer von Ystralowe lag das Dorf der Fischer, in dem Dorf eine Kirche und vor der Kirche eine Wiese: das Ziel der Ausflügler. Vom Morgen bis in die späte Nacht brachten die Kähne, die zur Feier des Tages in Gondeln verwandelt waren, Handelsherren und Ladendiener, Madamen und MamseIls, Handwerker und Putzmacherinnen über die Spree zur Festwiese. Da gab es Karussells, Zuckerbuden, Schießbuden und Zelte. Aus den Zelten ertönten Geigen und Bässe, Trompeten und Klarinetten: Aufforderung zum Tanz unterm blauen Sommerhimmel. Den Höhepunkt erreichte das Fest, wenn der .Große Krebs durchs Dorf getragen wurde, zur Erinnerung an jenes sagenhaft große Tier, das vor Jahrhunderten ein Stralauer Fischer gefangen haben soll. Man isst und trinkt: Aal grün mit Gurkensalat, Weißbier und Kümmel. Von Stunde zu Stunde werden die Gemüter hitziger. Daher die Redensart: Keilerei und Tanzvergnügen. Doch man hat sich „jöttlich amüsiert“. Bis zu dem Tage, da das Fest-Völkchen allzu sehr über die Stränge schlug und die Gemeinde ihre Wiese nicht mehr als Festplatz hergab. Das war im Jahre 1873, genau 300Jahre nach dem ersten Stralauer Fischzug, den die Fischer feierten, weil am Bartholomäus Tag die vom Kurfürsten verordnete Schonzeit ein Ende hatte.

Bln_Bild_034.jpg

34. Auf dem Kreuzberg

Zeichnung von Herrmann Lüders

Der Kreuzberg war schon ein Tummelplatz für Kinder und Erwachsene, als er noch Tempelhofer Weinberg hieß und doch keiner mehr war. Denn als der Soldatenkönig das weit bis nach Tempelhof reichende Feld zu Gefechtsübungen ausnutzte, wurde er ein Sandberg. Trotz seiner Kahlheit war er beliebt: es war ja nicht allein ein ideales Feld, auf dem die Papierdrachen der Kinder herrlich stiegen -, die größte Anziehungskraft hatte die überraschende Aussicht von dieser höchsten Erhebung der Teltower Hochfläche über der Spree-Ebene auf die wachsende Großstadt Berlin. Als Astrologen weissagten, am 15. Juli 1525 werde eine Sintflut die ganze Erde zerstören, wollte der damalige Kurfürst mit seiner Familie der Weltkatastrophe auf dem Gipfel des Tempelhofer Berges entgehen. Wegen seiner hervorragenden Lage wurde der 66 m hohe Berg dann später zur Stätte des Totenmals für die Gefallenen der Befreiungskriege auserwählt. Und weil dieses Mal an seiner Spitze das Eiserne Kreuz hat, hieß der Hügel hinfort „Kreuzberg“. Der rege Besuch des Denkmals veranlasste einige Spekulanten, an seinem Hange den Rummelplatz Tivoli aufzumachen. Nachdem die Anlagen 1856 ausgebrannt waren, blieben die Besucher aus, und der Berg versandete wieder. Da schuf die Stadt im Jahre 1888 an den kahlen Hängen den Viktoria Park, dessen Wasserfall und terrassenartige Gartenanlagen mit den Dichterbüsten um die schöne gotische Pyramide nun Einheimische und Fremde anzogen. Ihr Weg führte sie durch Kornfelder, an Holzplätzen und an dem „Upstall“ vorbei, wo Pferde weideten. Um 1888 entstand hier das Stadtviertel, dessen Straßen die Namen zum Gedenken an die Befreiungskriege tragen: die Katzbach-, Yorck-, Arndt-, Blücherstraße.

Bln_Bild_035.jpg

35. Tiergarten

Gemälde von Daniel Chodowiecki

Wer im Frühjahr 1946 zum ersten Male wieder vor das Brandenburger Tor wanderte, fand seine schlimmsten Ahnungen übertroffen: mehr noch als die Bomben hatten die frierenden und hungernden Berliner den Tiergarten in eine Wüste verwandelt. Rosengarten, Rousseau - Insel, die Alleen, die alten Bäume und gepflegten Wiesen samt Standbildern und Tempeln, die Bäche und die zierlichen Brücken waren nur noch in der Erinnerung vorhanden. Es hat beinahe etwas Tröstliches, zu wissen, dass 30 Jahre, bevor Chodowiecki sein Bild malte, derselbe Tiergarten schon einmal f ast hoffnungslos verwüstet war. Damals hatte der Soldatenkönig die Parkanlagen, die sein Vater geschaffen, nach der Charlottenburger Brücke hin verwildern lassen und vor dem Brandenburger Tor in einen Exerzierplatz verwandelt, auf dem Kavallerie Attacken geritten und 10 000 Mann im Parademarsch gedrillt wurden. Aus der Wildnis hat vor 200 Jahren der berühmte Gartenarchitekt und Baumeister von Knobelsdorff den uns vertrauten Park geschaffen, und 100 Jahre später hat ihn der erste Gartenkünstler seiner Zeit, Lenné, vollendet, als er den Königsplatz aus dem zertrampelten Boden der Sahara von Berlin' hervorzauberte. Ein unverwüstlicher Boden im Grunde, gedüngt von dem Urwald, der zu Anfang der Geschichte Berlins bis an die Tore Cöllns reichte, wo Hirsche, Auerochsen, Wildschweine, Wölfe, Füchse hausten und der Prunk liebende Renaissancefürst Joachim II. Bären und Löwen aussetzte zur fröhlichen Hatz im Tiergarten». 1945 wölbte sich an dieser Stelle ein weiter Himmel über einer öden Steppe. Aber schon jetzt sprießen auf der unendlichen Fläche wieder junge Büsche und Bäume. Ein neuer Tiergarten wächst heran.

Bln_Bild_036.jpg

36. Unter den Zelten

Zeichnung von Daniel Chodowiecki

Nahe der Spree, am nördlichen Rande des Tiergartens, befand sich zu der Zeit, da Freiherr von Knobelsdorff den verwilderten Tiergarten in einen Park verwandelte, eine Waldlichtung. Dieser von der Natur eingeräumte Platz wurde nun mit einer runden grünen Wand aus Eichen und Ulmen eingefasst und ein liebliches Steinbild der Blumengöttin Flora in seiner Mitte aufgestellt. Sieben breite Alleen führten zu diesem Punkt hin. Im Hintergrund entfaltete der Spreestrom seine landschaftlichen Reize: ein Platz wie geschaffen für eine Promenade. Das wurde er denn auch: Treffpunkt der Berliner. Ab 6 Uhr abends war Zirkel der vornehmen Gesellschaft um die Flora. In den Nachmittagsstunden pilgerte viel Volks hinaus, das ersehnte Schauspiel abzuwarten. Allmählich rückte auch das reiche Bürgertum, die höhere Beamtenschaft an, zu Fuß zu Pferde und im Wagen. Vorbei an diesem eleganten Korso trabten die Herren vom Gardeducorps, den Gendarmen, den Ziethenhusaren, auf ihren mit reichen Schabracken dekorierten Rössern. Und zur verabredeten Stunde erschien der Hof: die Prinzessinnen in vergoldeten gläsernen Karossen, mit Pagen und Heiducken auf den Trittbrettern. Und während des Promenierens musizierten, hinter Büschen verborgen, die Kapellen der Berliner Regimenter. - Mit der Länge des Vergnügens, der sommerlichen Hitze, dem aufgewirbelten Staube stellte sich auch der Appetit ein - da kam ein findiger Kopf auf den Einfall, in einem Zelt Getränke und Speisen anzubieten. Das Geschäft ging gut, bald reihte sich Zelt an Zelt. Im Wandel der Zeiten verschwanden Glaskutschen, Prinzessinnen, Flora und Zirkel; aus den Leinwandzelten wurden massive Gasthäuser. Geblieben ist der alte Name von den Zelten.

Bln_Bild_037.jpg

37. Zoologischer Garten

Stich von Knut Eknall

Eknalls Stich vom Zoologischen Garten ist zugleich ein wohl getroffenes Bild von der Berliner Gesellschaft um 1879. Die neue Kaiserstadt schwelgt im Millionenrausch der Gründerjahre: man will sich amüsieren. Die Herren tragen Zylinder, und die Damen schreiten in Wespentaillen mit hoch geschnürtem Busen und ausgepolstertem Cul de Paris daher. So gibt die elegante Welt sich ihr Rendezvous, inmitten des Jubels der Kinder, die sich - auf Kamelen reitend - wie im Märchenland fühlen. Am Rande des Amüsements ist das Reich der Tiere. Wirklich, es war eine hübsche Idee von dem Afrikareisenden Lichtenstein, diesen Tiergarten im Tiergarten» ins Leben zu rufen. Das war im Jahre 1844. Das Unternehmen wurde anfangs sehr einfach ausgestattet: den Tierbestand lieferte eine kleine Menagerie, die sich König Friedrich Wilhelm III. auf der Pfaueninsel angelegt hatte; es gab noch keine Weinterrasse, und die Besucher erfrischten sich am Glase Milch. Die Freude über radschlagende Pfauen, die munteren Sprünge der Affen, die drollige Plumpheit der Bären und das Hüpfen der Kängurus machte das Vergnügen aus. Das war zur Biedermeierzeit. 25 Jahre später sind jene fremdländischen Pavillons aufgebaut worden, die zur Heimat ihrer Bewohner passten. Dann entwickelte sich Berlin zur Industriestadt, und der Zoo wurde größer und größer. An .billigen Sonntagen' bevölkerten ihn an die 50 000 Menschen. Über Nacht zertrümmerte dann ein Bombenteppich die ägyptischen, maurischen, japanischen Bauten; Strauße, Antilopen, Elefanten und die 14000 sonstigen Tiere aller Arten verendeten im Feuermeer. Mühseliger denn vor 100 Jahren wird der Traum» aus unseren Kindertagen wieder Wirklichkeit.

Bln_Bild_038.jpg

38. Charlottenburg

Aquarell von W. Barth

Vor 100 Jahren war Charlottenburg nicht viel mehr als ein Dorf mit einem Schloss inmitten von Ackern und Weiden. Seine Gemeinde war so arm, dass die kleine Kirche zeitweise nicht einmal einen eigenen Pfarrer hatte. Und doch war das Dorf, dem Namen nach, schon eine Stadt. Die Anfänge dieser seltsamen Entwicklung reichen in das Jahr 1239 zurück, in dem der Markgraf von Brandenburg das Nonnenkloster zu Spandau mit einem Hof Lietze ausstattete. Aus dem Hof wurde ein Dorf Lietzow, das samt Ackern und Weiden durch die Reformation wieder in den Besitz des Landesherrn kam. Kurfürst Friedrich III. verehrte das Besitztum seiner Gemahlin. Das war, als die Kurfürstin auf einer Fahrt durch den Tiergarten nach dem Landforst ihres Hofmarschalls unweit Lietzow den Platz so reizend fand, dass sie - halb im Scherz - sagte, hier möchte sie wohl ihre Residenz haben. Der Kurfürst ließ ein Lustschloss ä la Versailles bauen. Das wurde Lietzenburg genannt und zu einem wahrhaft königlichen Hof der liebenswürdigen und geistreichen Kurfürstin und ersten Preußenkönigin Sophie Charlotte. Lietzenburg bekam Stadtrecht. Nach dem Tode der Königin bestimmte der vereinsamte König, dass es den Namen der geliebten Frau tragen solle: Charlottenburg. Friedrich II., Friedrich Wilhelm II., III. und IV. residierten hier zuweilen im Sommer. In der Nähe siedelten sich Hofbeamte, Gastwirte und Handwerker an. Von Berlin rückten die Wohnviertel vor über den Lützowplatz und den Kurfürstendamm in die Gefilde des alten Lietzow. Und ein Jahrhundert nach dem Gemälde vom ländlichen Charlottenburg um 1850 sind Tiergarten, Lietzensee und der Schlosspark die letzten Zeugen seiner geruhsamen Idylle.

Bln_Bild_039.jpg

39. Schaaf-Brücke  

Radierung von C. G. Matthes

Spaziergänger, die um das Jahr 1775 aus dem Potsdamer Tor wandern, überqueren etwa 1000 Schritte dahinter auf einer hölzernen Brücke den Schaaf - Graben. Dieser, ein Schilf bewachsener und von Prachtbäumen eingefasster Wasserlauf, fließt hinter Treptow aus der Spree, schlängelt sich durch Felder und Gärten längs der Stadtmauer am Kottbusser-, Halleschen-, Potsdamer Tor vorüber, durch den Tiergarten und vor dem Dorf Lietzow wieder in die Spree. Die Felder, die Gärten, der Tiergarten verdanken ihm ihr blühendes Aussehen. Und zumal die Gegend um die Schaaf-Brücke ist eine üppig grüne Aue, aus der Finken- und Nachtigallenschlag erschallt. Die Landschaft lockt nicht nur Spaziergänger an. Von Jahr zu Jahr kommen mehr Naturfreunde und bauen sich bescheidene Sommerwohnungen. Hier und da steht an Gartenpforten mit ungelenker Hand geschrieben „Caffe - Haus“; eine Badeanstalt wird eröffnet. Aus dem Karlsbad wird bald ein Monstrerestaurant mit Monstrekapellen; ein Stück weiter westlich am Graben und im Tiergarten blühen ähnliche Etablissements auf - die Kemperstraße erinnert an den „Kemperhofgarten“, die Hofjägerallee an den Hofjäger'. 1846 fährt der erste Pferdeomnibus vom Stettiner Bahnhof bis zur Schaaf - Brücke. Wohlhabende Familien bauen sich ihre Villen in das saftige Grün. Die Stadt legt Straßen an, Wohnhäuser folgen den Straßen. Das Geheimratsviertel ist fertig. Aus dem idyllischen Schaaf - Graben wurde der streng regulierte Landwehrkanal, aus der Landstraße über den Schaaf-Graben die Potsdamer Straße, aus der hölzernen Schaaf- eine steinerne Potsdamer Brücke, und von Ost bis West bedeckt ein Steinmeer die Flur, in welchem der Tiergarten als Oase grünt und blüht.

 
 zurück        Seiten: 1-20  41-60  61-80