Reise in die Vergangenheit Berlins                                                 zurück        Seiten:  21-40  41-60  61-80

(verfasst im Jahr 1952)                                         
 

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Berlins ältestes Wappen

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Cölln

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Dorotheenstadt

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Friedrichstadt

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Friedrichsvorstädte

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Friedrichswerder

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Königstadt

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Luisenstadt

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Neu Cölln am Wasser

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Spandauer Viertel

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1. Gesamtansicht von Alt-Berlin

Stich von Johann Rosenberg

 Alt ist die Geschichte unserer Stadt. Alt sind die Urkunden, die darüber Auskunft geben. Dort, wo zwei Hügelketten sich der Spree nähern, entstand vor mehr als 700 Jahren die Doppelstadt Berlin - Cölln. Graf Albrecht der Bär hatte Heerhaufen und Siedlerzüge vom Harz und vom Niederrhein in das Spree- und Havelland geführt. Auf einer Spree-Insel, dem sicheren Pass zwischen Havel-Seen und Spreewald-Sümpfen, fanden die fremden Ritter ein wendisches Fischerdorf vor. Cölln hieß der Flecken. Vielleicht waren es die Rheinländer, die den wendischen Namen „Köllen“ oder „Koll“ - das heißt Hügel - im Sumpf oder ein von Menschenhand fest ins Wasser gestellter Pfahl - dem rheinischen „Cöln“ anglichen durch die Schreibweise „Cölln“. Vielleicht waren es die Ritter aus dem Harz, die den Spitznamen ihres Heerführers „Der Bär“ mit dem Wappentier verschmolzen, als sie ihre Siedlung Berlin nannten. Anfangs eine Ackerbürgerstadt, entwickelte sie sich zum Stapelplatz für den Handel. Das von den Siedlern in eine Kornkammer umgepflügte wüste Land Brandenburg lieferte Getreide, die Wenden brachten Pelze, Honig und Wachs auf den Markt. Berlin - Cölln blühte im Bunde der Hanse auf, verlor aber seine Freiheit, als die Hohenzollern eine Zwingburg, das spätere Schloss, in ihren Mauern errichteten. Karg war das Leben in dieser armen Stadt. Die Bedrängnisse wurden unerträglich im Dreißigjährigen Krieg, und die Bürger baten den hohen Landesherrn gehorsamst, auswandern zu dürfen. Aber die meisten blieben und entwickelten unter dem nüchternen Himmel, auf dem kargen Boden und im täglichen Handgemenge mit der sie fast erdrückenden Wirklichkeit Tugenden, die lange als vorbildlich galten und die auch heute den Berliner kennzeichnen.

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2. Mühlendamm / Ecke Poststraße

Unbekannter Zeichner

 Die Mühlen am Mühlendamm klappern längst nicht mehr, Auch das Schmuckstück in dem baulich sonst wenig eleganten Alt Berlin, das Haus des Hofjuweliers, Münzpächters und Kommerzienrates Veitel Ephraim, das Ephraim-Haus steht nicht mehr an seiner Stelle. Dieses schönste Privatgebäude erhob sich einst auf dem berlinischen Ufer jenes Knüppel- und Packwerkdammes, dem Mühlendamm, dem einzigen seit uralten Zeiten passierbaren Übergang über die Spree. Hier hatten schon die Wenden, die in der Völkerwanderung um 500 den westwärts wandernden Deutschen nachdrängten einen Stapelplatz für ihren ausgedehnten Handel angelegt. Und später hatten weit blickende westliche Kaufleute im Gefolge der Heeres- und Siedlerzüge ihre Handelsgeschäfte mit dem Osten hierher vorverlegt als um 1200 die Deutschen in ihre alte Heimat zurückkehrten. An diesem Damme endete damals der Schiffsverkehr von Hamburg und Lübeck; über diese Brücke zogen die Planwagen aus Pommern und Polen, Mecklenburg und Sachsen. Das war der gegebene Platz für die Wassermühlen, in denen die Berliner ihr Brotgetreide mahlen ließen, So wurde der Mühlendamm, die Keimzelle der Doppelstadt, zugleich eine Einnahmequelle, die anfangs die Siedlung aufbauen half, später den anspruchsvollen Haushalt des Kurfürsten speiste. Die Mühlen sind der Sparkasse gewichen. Und das Ephraim-Haus, das einst dem sächsischen Minister Graf Brühl gehörte und das Friedrich II. im Siebenjährigen Krieg mitsamt dem Portal, den Säulen, dem schmiedeeisernen Gitter und den Kindergruppen auf den Postamenten in Dresden abbrechen und in Berlin wieder aufbauen ließ, wurde bei der architektonischen "Neuordnung Berlins" vor dem Krieg abgerissen und verlagert.

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3. Die Fischerbrücke

Stahlstich von Loeillot

 Dies sind die ältesten Flecken Berlins: die Fischer-Brücke und die durch Eindämmung der Spree vom Wasser abgedrängte Fischer-Straße. Der Name rührt von den Wenden her, die hier halb aus Neigung, halb notgedrungen vom Fischfang lebten. Auf der Insel stand jenes einfache Fischerdorf, aus dem sich mit dem Vorrücken neuer Einwanderer und mit dem emsigen, vielfältigen Warenverkehr schnell ein großer Handelsplatz entwickelte. Als später die Deutschen den Platz eroberten, siedelten sich die Sieger auf der trockenen Düne an und drängten die Besiegten ins Sumpfland. Hier im "Kietz" stellten nun die Fischer ihre Blockhäuser auf Pfähle. Oben auf den Höhepunkt der Insel bauten in diesen frühen Jahren schon die mit den deutschen Siedlern eingewanderten Mönche erst im berlinischen Bezirk die Nicolai-Kirche für die Deutschen, dann im cöllnischen Bezirk die Petri-Kirche für die eifrig zum Christentum bekehrten Heiden. Die Siedlung wuchs zu eine, Stadt mit Rathäusern Schloss und Patrizierhäusern an, und der Fischer-Kietz vererbte seine Pfahlbauten von Geschlecht zu Geschlecht. Um 1700 wurden auch hier die ersten zwei- und dreistöckigen Gebäude errichtet: ein Spinnhaus, eine Woll- und Baumwoll-Manufaktur. Das ermutigte zum Bau größerer Wohnhäuser: schmale und spitze Giebelhäuser, doch bei aller Steifheit und Nüchternheit hatten sie etwas Großspuriges: mächtige Tore. Aber in diese Tore waren recht kleinbürgerliche Türen eingeschnitten. Blickt man hinter die Kulissen, dahinter führte statt einer Treppe nur eine gewöhnliche Leiter in die obere Etage. Immerhin, wo Wasser im Bilde ist, erweckt es den Reiz des Malerischen, und so bot auch der Fischer-Kietz ein malerisches Bild. Auch er existiert nicht mehr.

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4. Molkenmarkt und Nicolai-Kirche

Gemälde von H. Hintze

 Rechts der Spree entstand am Ende des Mühlendamms der berlinische Markt. Als dann der Nette Markt angelegt war, hieß er -Alter Markt (später Molken-Markt). Schnittpunkt des Ein. und Ausfuhrhandels, Stapelplatz mit der „Niederlage“ für zollfreie Verladegüter war dieser Markt. Da brachten dickbauchige Boote Seelisch aus Stettin, Hering aus dem Norden, Korn für Hamburg, feine Gewebe aus Flandern, Fette, Honig, Wachs und Holz aus Osteuropa für den Westen. Auf diesem Markt, der Gerichtsstätte für Berlin und Cölln, reckte sich standhaft Roland der Riese mit dem Schwerte, das Wahrzeichen der Gerichtsbarkeit, empor. Die Quellen berichten blutrünstig von geräderten Betrügern, von enthaupteten Beleidiqern hoher Standespersonen, von lebendig begrabenen Diebinnen und vom Verbrennen schöner Hexen. Eine unerbittliche Zeit war es für die Armen; Wohlhabende konnten sich von den Urteilen loskaufen. Und hinter diesem Schauplatz erhob sich der frühgotische Granitquaderbau der um 1230 von den Urenkeln des ersten Markgrafen Albrechts des Bären gestifteten Nicolai Kirche. Ein Heiligtum der Schiffer war es, deren Patron der hl. Nicolaus ist. Als zwei Brände die Stadt verheerten und auch das Gotteshaus der Schiffer fast zerstört wurde, erneuerte man es mit einem spätgotischen Ziegelbau. Die dreischiffige Halle schmückten Kapellen, Bildnisse. Wappenschilder alter Berliner Patrizier, Erbbegräbnisse, prächtige Sarkophage, darunter das Grabmal des Lambert Distelmeier, der seinem Kurfürsten das Herzogtum Preußen errang. Der fromme Liederdichter Paul Gerhardt war als Prediger in dieser Kirche. Als das Gotteshaus im Kriege ein Raub der Flammen wurde, verlor die Stadt einen Zeugen ihrer Geschichte.

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5. Fischmarkt und Petri-Kirche

Kupferstich nach Franz Catel, Unbekannt

Wo stand die Wiege der Berliner Schlagfertigkeit, der treffenden Witze in jeder Situation? Vielleicht auf dem cöllnischen Markt, dem Fischmarkt, der links der Spiee am Ende des Mühlendammes, der Heimat der Hökerinnen, lag? Das schlagfertige Wortgeplänkel dieser resoluten Damen wird in diesen frühen Tagen seinen Ursprung haben: "Aber die Fische sind ja ein Mischmasch!" - Tja, liebe Frau, det is nu eenmal so, die Menschen sind ooch een Mischmasch - wir beede sind kleen und die annern sind jroß, und wir müssen uns dat ooch jefallen lassen. Mischmasch, sagte die Marktfrau. Denn hier begegneten sich im Trubel des geschäftigen Alltags, abseits von politischen und religiösen Gegensätzen, Wenden und Deutsche. Und ein zuträglicher Mischmasch von Deutschen und Wenden bildete sich im Laufe der Zeit durch gemeinsam ertragenes Unglück, durch Brände, Kriege, Pestilenz. Und durch die nach nichts fragende Liebe junger Menschen lernten sich Wenden und Deutsche besser verstehen. Auf dem cöllnischen Fischmark! gab es nach wie vor Mischmasch, aber noch immer war kein Heiligtum für die zahlreichen Fischer da. Ein halbes Jahrhundert nach der NicolaiKirche wurde endlich die PetriKirche, so genannt nach dem Patron  der Fischer, dem heiligen Petrus, geweiht. Die Gemeinden dieser beiden Kirchen vertrugen sich ausgezeichnet. Von der deutschen Nicolai-Kirche schritt die gesamte Bürgerschaft am Fronleichnamstag Über den Mühlendamm zum wendischen Sankt Petrus. Nach den Bränden des 14. Jahrhunderts wurde die Petri-Kirche in einen Ziegelbau umgewandelt, nach dem Brand 1731 durch einen Barockbau ersetzt, und 1809 bekam sie die Form eines gotisierenden Ziegelbaues.

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6. Das Graue Kloster

Stahlstich von Würbs

Mönche der verschiedenen Orden waren zur Urbarmachung des Bodens und zur Bekehrung der Seelen in die Mark Brandenburg gekommen. Den Franziskanern schenkte der Märkgraf 1271 ein Grundstück, auf dem sich bald eine dreischiffige Kirche mit kunstvollem Chor, Kreuzgewölben, verzierten Bögen und figurenreich geschnitzten Stühlen erhob. Vielfältig ist ihre Geschichte. Neben der Kirche, die auch zwei Höfe umschloss, ragte das Kloster empor. Unter seinen alten Linden brachten die Berliner 1412 dem neuen Verweser der Mark, dem Nürnberger Burggrafen Friedrich von Hohenzollern, als ersten Gruß eine Tonne des berühmten bernauischen Bieres zum Willkommentrunk dar. In diesem "Grauen Kloster' bereiteten sich begabte Berliner Jungen, neben dem Unterricht für Kirchendienst Lind Singchor, auf die Hochschulen in Frankfurt und Leipzig, Padua und Paris vor. Aber auch der Alltag spielte in den stillen Winkel hinein. Hier in der Klosterstraße hatte eine Magd namens Margarethe im Jahre 1407, die Unkeuschheit der Klosterbrüder verhöhnend, gerufen: "Maide (Mädchen) für die Priester! und war nur gestäubt anstatt verbrannt worden. In diesem Kloster lebte auch ein sehr weltlicher Herr, Vagabund. sagenhafter Schwarzkünstler der Baseler Goldschmied Leonhard Thurneisser. Der phantasierte vom Goldsand in der Spree, von Rubinen und Saphiren im Teltow - ein Phantom das in den Hirnen der Herrscher dieser Zeit spukte. Aber Thurneisser errichtete im Kloster auch eine Druckerei, die wegen ihrer sauber gedruckten Kalender den Namen der Stadt in der damaligen Welt noch bekannter machte. In der Reformationszeit verwandelte sich das Graue Kloster in ein Gymnasium. Auch dieses Kulturdenkmal wurde im Kriege zerstört.

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7. Blick auf einen Spreearm

Aquarell von Julius Jacob

Die von poetischer Romantik beseelten Ansichten Berlins, wie die verhutzelten Kabachen an den schmalen Rinnsalen der Spree, sind nun verschüttet; zugeschüttet, der Hygiene, der Kanalisation, dem Verkehr, der kühl kalkulierenden Ordnung zuliebe. Was das Bild von solch einem vielleicht unhygienischer, verkehrsstörenden, aber beglückend idyllischen Winkel in dem Beschauer erregt, ist die Frage: wie kam das gradlinige, auf Nüchternheit erpichte Berlin überhaupt zu diesen schier venezianischen Traumbildern? Die Erdgeschichte Norddeutschlands, und damit Berlins, erklärt es. Dieses Stück Land ähnelt einem Erdflecken nach einem heftigen Gewitterguss. Der Boden ist leicht aufgewühlt, in vielen Rinnsalen fließt das Wasser ab, sammelt sich zu Tümpeln und Lachen. So ungefähr ist die Landschaft auch geworden. Als vor 25 000 Jahren, nach der letzten Eiszeit, die tausend Meter hohen Eisberge schmolzen, brach aus ihnen in gewaltigen Strömen das Schmelzwasser hervor, zerfurchte den Erdboden, schuf bucklige Dünen, strömte in Flüsse, staute sich in Seen und wurde schließlich durch Elbe und Oder in den größten dieser Tümpel, in die Nord- und die Ostsee, geleitet, Die Hochebene des Barnims mit  ihrem Weinbergsweg, Prenzlauer Berg und Lichtenberg, die Hochebene des Teltow mit ihrem Fichte-, Kreuz- und SchoneberL: sind die Dünen gewesen, und die Havel und Spree mit ihren Seen, Lanken und Gräben bildeten die Rinnsale und Tümpel nach der Eiszeit. Die klaffenden Risse in stark fundamentierten Wohnblocks der Koch- und Friedrichstraße, Unter der. Linden, die Einbrüche von Wasser in das Gleisbett der S-Bahn bei Bergfelde und Bries beweisen, dass auch in neuester Zeit schwer gegen die unbezähmbare Natur anzukämpfen ist.

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8. Spandauer Straße und Tor

Zeichnung von Ludwig Leopold Müller

Wenn Reisende aus allen Himmelsrichtungen in alten Zeiten nach Berlin-Cölln kamen, mussten sie zu Fuß, zu Pferd, im Roll- oder Planwagen durch einen Mauerring, der von fünf Toren durchbrochen war. Der größte Verkehr herrschte stets auf der Spandauer Straße, einer der beiden Hauptwege und dem nach ihm benannten Tor, denn die Spandauer Straße war die Handelsstraße Magdeburg-Berlin. Bunt war das Bild, das sich dem Berliner damals bot. In Richtung Cölln galoppierten die Reiter durch das Kopenicker - Tor an der Roßstraße zur Burg Köpenick. Bauern und Bürger schritten durch das Teltower Tor an der Gertraudenstraße. In Richtung Breslau polterten die Wagen durch das Oderberger Tor, später Georgen- und Königstor- genannt. Durch das Stralauer Tor marschierten Soldaten, Aber Berlins bedeutendste Hauptstraße blieb immer die Spandauer Straße. Eine neue Brücke, die Lange-, später Kurfürstenbrücke, war errichtet. Der Neue Markt, nördlich der Oderberger- (König-) Straße mit seinem bunten Treiben lockte. Und wenn sich die Augen der Fremden satt gesehen und die Münder sich voll getrunken hatten. im Gasthaus zum Nussbaum, ging es zurück in die Quartiere der Spandauer Straße. Von überall kamen und gingen Reisende durch das Spandauer Tor in Richtung Magdeburg, durch das Teltower Tor nach Meißen. Innerhalb Berlins in der Oderberger Straße vor dem ersten Rathaus der Stadt vereinigten sich beide Hauptwege, und am Oderberger Tor trennten sie sich wieder: die Straße über Frankfurt nach Breslau - und die über Oderberg nach Stettin. Das Glück lag über den Mauern und Toren der Stadt allen Kriegswirren zum Trotz wurde Berlin-Colln im Mittelalter niemals zerstört, nicht einmal berannt. Es blieb unversehrt.

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9. Das Alte Rathaus

Aquarell von Rabe

Ungefähr an der Stelle des heutigen zerstörten Rathauses in der Königstraße erhob sich bis 1861 Berlins erstes Rathaus: ein gestrecktes Rechteck aus Ziegelsteinen mit einem nach drei Seiten offenen Vorbau, der Gerichtslaube. Am Ende der Breiten Straße im Bereich des Fischmarktes zwischen Gertrauden- und Scharrenstraße lag das Rathaus Cölln. Die Kämpfe mit den Feinden von außen bewirkten, dass beide Städte gemeinschaftlich verwaltet wurden. Auf der neuen, langen Holzbrücke, die über eine sumpfige Insel und zwei Spreearme bis zur HI.-Geist-Straße führte, wurde 1307 ein gemeinsames Rathaus errichtet, das bei dem großen Brand 1380 vernichtet wurde. 1321 schloss Berlin-Cölln mit den Städten der Mittelmark und Lausitz einen Landfriedensbund. 1359 trat es in den Hanse-Bund. 1385 fand der erste Landtag Brandenburgs statt. Für künftige Zeit ausweitender Besitz - Reinickendorf, Stralau, Lichtenberg, Köpenick - wurden erworben; 1432 wurden Tempelhof, Mariendorf, Rixdorf von den Johannitern, vier Dörfer auf dem Barnim, vier im Teltow gekauft. Die Stadt wurde mächtig. Die Ratsherren, aus den ältesten Familien verschwistert und verschwägert, regierten selbstherrlich gegen die Ansprüche der Zünfte. Da bestimmte 1448 der Kurfürst Friedrich Il. die Doppelstadt zu seiner untertänigen Residenz. 1544 gelang es dem Rat, wenigstens die Gerichtsgewalt zurückzukaufen; die Gerichtslaube wurde mit einem prächtigen Gewölbe geschmückt. 1692 fügte man einen Flügel in der Spandauer Straße an. Berlin-Cölln ist von 5000 auf 50 000 Einwohner angewachsen. 1860 zählt die Großstadt Berlin 600 000 Einwohner. Das alte, kleine Rathaus weicht dem großen Roten Haus', und nur die Gerichtslaube bleibt erhalten: im Park von Babelsberg.

 
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10. Das Berliner Schloss

Lithographie von Eduard Gaertner

Theodor Fontane, der Dichter des Berliner Lebens, erzählte einmal, es habe für ihn keinen erhebenderen Anblick gegeben, als in der Abenddämmerung von einem Fenster der Burgstraße die still dahin fließende Spree, das Standbild des Großen Kurfürsten und die Silhouette des Schlosses zu betrachten. Legende und Wirklichkeit verwob da zu einem dünnen Schleier. Hier sei die Wirklichkeit erzählt. Vor fünfhundert Jahren noch war der Platz, auf dem sich bis 1950 das Schloss erhob, eine Abladestätte für Schutt, umgeben von der Spree, einem Sumpf und einer Dominikanerkirche an der Stelle des heutigen Domes. Dort errichtete der zweite Hohenzoller im Lande eine Burg, abseits der beiden Städte Berlin und Cölln, doch nahe genug, sie "mit Geschoß zu bewerfen". Das war Friedrich "der Eisenzahn', der wie mit eisernen Zähnen der Freien Hanse-Stadt Gerichtspflege und Stapelrecht, Grund und Boden entrissen hatte; und mit eisernen Zähnen zwang er auch den Aufruhr der Bürger gegen den Bau einer Burg nieder. Joachim II., ein prachtliebender Herr, begann mit dem Umbau der festen Burg in ein offenes Renaissance - Schloss. Unter Friedrich Wilhelm, dem „Großen Kurfürsten“, wurde das Abbild eines römischen Palastes angegliedert. Dann verwandelte der vom Kurfürsten zum Hof-Baumeister ernannte Bildhauer Andreas Schlüter den Bau in jenes Barockschloss, das uns noch immer, trotz der Zerstörung, in der Erinnerung vorschwebt. Es war ein monumentales Rechteck, 192 im lang und 116 im breit, mit 700 Gemächern, durchbrochen von fünf Portalen mit wuchtigen Säulen. Im Jahre 1950 wurde das Schloss dem Erdboden gleichgemacht, um einer "gewaltigen Demonstrationsstätte für die Werktätigen Platz zu schaffen.

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11. Weihnachtsmarkt um das Schloss

Kupferstich von J. D.  Schubert

Viele Schriftsteller, Maler und Kupfersstecher hat das bunte Leben auf dem Weihnachtsmarkt und um das Schloss zur künstlerischen Darstellung angeregt. In aller Herrgottsfrühe bereits, stets am 10. Dezember, begann der Aufbau der schmalen Budenreihen auf dem Schlossplatz, in der Gertrauden-, Breite und Scharrenstraße bis zum Petriplatz. In 700 Buden zeigten sich vom 11. Dezember an, dem Eröffnungstage des Berliner Weibnachtsmarktes, Erwachsenen und Kindern die Herrlichkeiten der Adventszeit. Schlesische Leinewand, Braunschweiger Pfefferkuchen, Frankfurter Würstchen, Salzwedeler Waffeln, Eberswalder Spritzkuchen, Schaftstiefel aus Kalau, um nur einiges zu nennen. Mit berlinischer Zungengeläufigkeit und nie erlahmendem Wortschwall priesen rundliche Händlerinnen in Umschlagtüchern, korpulente Budenbesitzer mit warmen Kappen und rot gefrorenen Nasen und die hellen Stimmen ihrer Kinder zwischen glimmenden Kohlenhecken und dampfenden Kaffeekannen ihre Waren an. Verlockend klangen die Anpreisungen den an den Buden langsam vorbeigehenden Passanten ins Ohr. Mutter oder Vater zückten je nach Bedarf den Geldbeutel. Stets neu und erregend klang der Jubel der Kinder, die Prachtpaläste aus Pfefferkuchen, Liliputmöbel in Puppenstuben, quietschende Hampelmänner oder glitzernde Trompeten bestaunten. Und in das Gedränge der jungen Welt, die aus der Neumannsgasse, der Roßstraße, von der Stechbahn oder der Langen Brücke kam, schoben sich Handwerker, Soldaten mit ihren Liebsten, die Gnädigen und ihre Kavaliere, und dann und wann zeigten sich auch einmal der König und die Königin. Und am schönsten war es abends auf dem Weihnachtsmarkt. Die Buden strahlten im Glanz ungezählter hell flackernder Lichter.

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12. Der Lustgarten

Gemälde von Erdmann Hummel

 

Wenn Ausländer früher nach Berlin kamen, wunderten sie sich immer, dass die Exerzierplätze in Potsdam und Berlin Lustgarten hießen. Sie konnten sich diesen merkwürdigen Widerspruch nicht erklären. Der Name hängt mit der Städtebaugeschichte Berlins zusammen. Der Große Kurfürst hatte einst nach seiner Rückkehr von der holländischen Universität Leiden, begeistert von der niederländischen Gartenkunst, hinter dem Schloss einen verwilderten Kraut- und Rübengarten in einen wahren Lustgarten verwandelt. Es gab sogar ein Pomeranzenhaus und einen Springbrunnen, den die Poeten Berlins besangen. Dieser Lustgarten, der mit dem Tiergarten eine der beiden grünen Lungen Berlins bildete, war aber dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. ein Dorn im Auge. Die mühsam hergerichtete Gartenkultur wurde vernichtet, und ein Exerzierplatz entstand. Hier dröhnten nun die Paradeschritte der Riesenkerle. Aber es kamen auch wieder friedlichere Zeiten. Zu Anfang des 19.Jahrhunderts entzückte die Berliner im Lustgarten die gewaltige Granitschale, 7 Meter im Durchmesser, aus einem Findling ausgehauen, im Volksmund kurz das „Taufbecken“ genannt. Damals stand da auch noch eine bescheidene Dom-Kirche aus der friderizianischen Zeit, und das Schloss war noch von keiner Kuppel gekrönt. Damals wurde auch die steinerne Schlosstreppe an Stelle der hölzernen Hunde-Brücke errichtet und parallel zur Rückfront des Schlosses entstand das Alte Museum mit der von Säulen getragenen Hallenfassade und der pompösen Wandelhalle. Und wieder störte die Berliner im Lustgarten das Knattern marschierender Stiefel. Nach 1933 wurde er zum Aufmarschplatz und blieb es auch nach 1945.

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13. Klosterstraße und Parochial – Kirche

Gemälde von Eduard Gaertner, Unbekannt

Wenn vor dem Kriege über der Klosterstraße die Melodie des holländischen Singspiels vom Turm der Parochial - Kirche erklang, dann glaubten sich die Berliner in frühere Jahrhunderte versetzt. Damals, etwa zur Zeit des Soldatenkönigs, entstand dieser würdige Barockbau, dessen von weitem sichtbarer Turm der ganzen Straße ein festliches Aussehen gab. Doch was den Turm am meisten zieret, ist das viel gepriesene Glockenspiel, so besang's ein Zeitgenosse. 37 harmonisch aufeinander abgestimmte Glocken sind es, die mit Hilfe einer 5 m im Umfang messenden Walze, Drähten, Hebeln und einem Klavier zum Klingen gebracht, viertelstündlich eine kleine Melodie, stündlich einen Choral spielten. Wie aus einem menschlichen Lebenslauf konnte man hier bedeutsame Ereignisse heraushören, Einst war sie die vornehmste Straße, als die Nachkommen Albrechts des Bären und die Wittelsbacher das Land verwalteten. Besuchten sie vorübergehend das abgelegene Land, so hielten sie Hof im Hohen Haus. Die ersten Hohenzollern folgten ihnen im Logis, bis das Schloss entstand. Dieses älteste und einzige Wohnhaus von historischer und künstlerischer Bedeutung wurde dann in ein Lagerhaus umgewandelt. In den alten gotischen Kreuzgewölben, in dem dekorierten Festsaal richtete der Soldatenkönig später eine Wollfabrik mit 4730 Arbeitern ein. Andere Zeiten waren gekommen. Die glanzvollen Tage des Hohen Hauses' waren beendet. In der ehrwürdigen Straße, ihren Palais und Bürgerhäusern erinnerten nur die melodischen Wogen des Parochial - Glockenspieles an die prächtige Vergangenheit. Nichts sonst blieb von der Romantik. Das Hohe Haus wurde vor dem Kriege abgerissen. Das Glockenspiel verstummte eines Nachts im zweiten Weltkrieg.

 
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14. Der Krögel-Hof

Lithographie von Zuckert

Ein malerischer Blick in einen Winkel des mittelalterlichen Rothenburg ob der Tauber scheint hier abgebildet, aber es ist in Wirklichkeit der Krögel, das städtische Bad Alt-Berlins in einer Spreebucht. Damals, so berichten die Chroniken, galten noch andere Sitten und Bräuche als heute. Ein feierlichen Anlass, das Krögel-Bad aufzusuchen, bildete jedes mal der Hochzeitstag. Statt der heute üblichen Badeanzüge stieg die ganze Gesellschaft in Hemden, die die Braut ihrem Bräutigam und den männlichen Gästen in feierlicher Geste überreichte, ins Wasser. Als Dank dafür schenkte der Bräutigam seiner Braut und ihrer weiblichen Verwandtschaft je ein Paar Pantoffeln: daher die Bezeichnung Pantoffelheld. Nach dem Austausch dieser wichtigen Gaben schritt der Zug vom Hochzeitshaus nach dem Krögelhof: Musikanten vorneweg, die Damen in neuen Pantoffeln, die Herren mit den Hemden über der Schulter. Im Krögel, der mit seinen beiden großen Bogengewölben doch nicht groß genug für solch einen Andrang war, teilte sich dann die Gesellschaft. In zwei Schichten suchte man das Bad auf. Dazwischen kreiste eifrig der Becher, und das Mahl mundete Ehrsame Bürger jedoch wollten genau wissen, dass es bei diesen Feierlichkeiten im Krögel-Bad nicht immer ganz sittenstreng zuging. Etwas musste daran schon wahr sein. Das zeigt die Geschichte von einem erzbischöflichen Geheimschreiber aus Magdeburg, der einer bildhübschen Dame zuflüsterte: „Komm mit auf den Krögel“. Diese heimliche Aufforderung an eine ehrsame Bürgerin galt als eine schmachvolle Zumutung. Die blitzschnell sich verbreitende Nachricht rief einen Aufruhr hervor, und der Geheimschreiber musste seine Kühnheit mit dem Leben bezahlen. - 1934 wurde der Krögel abgerissen.

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15. Unter den Linden um 1810

Unbekannter Zeichner

Untern Linden, untern Linden, geh´n spazier´n die Mägdelein, heiß, es in dem Schlagerlied von Walter Kollo. Aber von den Linden ist längst die Romantik verweht. Noch im Dreißigjährigen Kriege waren die späteren Linden eine weite Sandfläche. Erst der Große Kurfürst befahl, jenseits des Lustgartens sechs Reihen Baumgruppen zu pflanzen: 1000 Linden und Walnussbäume - die Vorläufer der Weitstraße. Doch die Bäumchen kamen nicht zur vollen Geltung. Berlin entwickelte sich zur Festung, und die Linden wurden planiert. Als friedliche Zeiten anbrachen, wurde die Idee dieser Straße abermals Wirklichkeit. Die zweite Frau des Kurfürsten, die Holsteinerin Sophie Dorothea, nahm sich dieser neuen Allee an. 60 Meter war sie breit, flankiert von zwei langen Häuserfronten, an die sich nach Norden hin ein Gebäudeviereck mit kurzen Querstraßen anfügte. Und zum Dank für diese Schöpfung gaben die Berliner einer dieser Straßen den Namen der Gründerin: Dorotheenstraße. Wer auf Stand und Namen hielt, wohnte Unter den Linden oder wenigstens in ihrer Nähe. Denn hier lagen die Botschaften, die Privathäuser des Adels, die Oper und Schloss waren nicht weit. Der, König sah sozusagen jedem ins Fenster. In späteren Jahrhunderten wandelte sich das Bild. Luxushotels, Theater, Weinstuben, Cafes, Banken und Ministerien verdrängten die schlichten Bürgerhäuser des Rokoko. Kurz vor der Jahrhundertwende waren das Cafe Bauer Unter den Linden Ecke Friedrichstraße und gegenüber das Café Kranzler mit seiner berühmten Rampe Treffpunkt aller feinen Leute. Im Jahre 1936, kurz vor der Olympiade, fielen die alten Bäume. Dünne Stämmchen traten an ihre Stelle und der Volksmund nannte die frühere Prachtstraße nur Kahlbaumallee.

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16. Konditorei Kranzler

Unbekannter Zeichner

Du kannst mir mal für´n Sechser, weil wir uns beede kenn, bei Kranzler um die Ecke nach Kuchenkrümeln renn´. So hieß es einst in einem bekannten Berliner Lied, das sich mit den weltberühmten Feinschmeckereien des Café - Kranzler an der Ecke Friedrichstraße - Unter den Linden, dem Brennpunkt der Stadt, beschäftigte. Dabei war Johann Georg Kranzler gar kein Berliner, sondern war früher ein österreichischer Zuckerbäcker gewesen. 1824 gründete er sein Etablissement, wie man damals sagte. Aber nicht nur die feinste Schokolade in reiner Milch gekocht und mit Sahne serviert, nicht nur die zartesten, auf der Zunge zergehenden Baisers oder das „himmlischste“ Eis gab es hier, sondern auch die tollsten Gesellschaftsattraktionen in der biedermeierlichen Stadt. Vor der Konditorei lag in Form einer erhöhten Rampe eine Terrasse, auf der man saß um zu sehen und gesehen zu werden. Man, das waren die witz- und wortgewandten Gardeoffiziere in glitzernden bunten Röcken, immer auf Taille, die jungen Elegants in engen Nankinghosen und himmelblauen Fracks. Und die Damen! Damals gab es noch kein Tempo und Hasten. Die Damen, die zu Kranzler gingen, erhoben sich spät, schrieben zierliche, parfümierte Billets an ihre Freunde und bewunderten bei Kranzler den Fürsten Pückler - Muskau, der sich die von ihm erfundene, nach seinem Namen benannte Eismischung servieren ließ. Mit solchen Extravaganzen konnten die anderen Konditoreien der Stadt nicht rivalisieren. Deswegen sind ihre Namen dem heutigen Menschen auch kein lebendiger Begriff mehr. Nur Kranzler blieb an seiner Kranzlerecke. Die gesellschaftliche Szenerie aber hatte sich inzwischen verwandelt. Um die Jahrhundertwende zog das elegante Berlin zum Kurfürstendamm.

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17. Münze am Werderschen Markt um 1805

Stich nach Zeichnung von Franz Catel

Als der große Kurfürst Berlin - Cölln in den Jahren 1658 bis 1683 zu einer Festung ausbaute, gliederte er an das alte Colln jenseits der Basteien ein „Neu-Cölln am Wasser“ und an diese erste Vorstadt eine zweite auf dem Werder: Friedrichswerder, zu deren Bürgermeister auf Lebenszeit der Erbauer des Festungswerkes, der holländische Architekt Memhard, ernannt wurde. Da der damals noch sumpfige Grund und Boden den Baulustigen meist kostenlos überlassen wurde, wuchs die Vorstadt schnell. Die vornehmsten Gebäude standen am Marktplatz, dem Werderschen Markt, an dessen Wasserseite der Hafen von Berlin mit einer Schleuse entstand. Im Jahre 1672 wurde ein Rathaus errichtet, denn Friedrichswerder erhielt den Rang einer selbständigen Stadt, die unabhängig von dem Rat Berlins und Cöllns verwaltet wurde. Zwanzig Jahre später vereinigte der erste Preußenkönig die fünf Städte Berlin, Cölln, Friedrichswerder, Friedrichstadt und Dorotheenstadt zu einer einzigen Stadt: Berlin. Damals begann die Reihe der Prachtbauten auf dem Werder: mit dem Zeughaus, dem im Laufe des Jahrhunderts das Opernhaus, die königlichen Paläste, die Hedwigskirche und die Bau-Akademie folgten. Um 1800 wurde das Rathaus von Friedrichswerder zur Neuen Münze umgebaut. Es erhielt den berühmten Sandsteinfries an der Brüstung des Hauptgeschosses, der die Entwicklung des Münzwesens und seinen Einfluss auf die Kultur darstellt. Die Zeichnung stammte von Friedrich Gilly, modelliert wurde er von Gottfried Schadow. Siebzig Jahre später stand schon ein neues Gebäude für die Münze, südlich von der Bau-Akademie in der Unterwasserstraße; und das nun zur „Alten Münze“ gewordene Gebäude am Werderschen Markt wurde im Jahre 1886 abgerissen,

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18. Der Werdersche Markt  

Stahlstich von Payne

Das Königliche Schloss zog die Vornehmen Berlins in seine Nähe. Am Werderschen Markt errichteten die großen Herren des Hofes, ein Markgraf von Schwedt, ein Graf Schimmelmann ihre Paläste; dort wohnte auch der Hofmaler Friedrichs II., du Pesne. Ihnen folgten die vornehmen Geschäfte, die Juweliere und die Putzateliers. Später entstand hier der viel bewunderte Bazar von Gerson, ein Vorläufer unserer Warenhäuser. Das dreistöckige Gebäude mit seinem Oberlichtsaal war eine Sensation. Ganz Berlin sprach von dem schillernden Leben in diesen Räumen voll Seidenglanz', mit all seinen „verkaufenden Commis und Ladenjungfern“ und den begehrlichen, verschwenderisch freigebigen oder ängstlich feilschenden Käufern». Das war die Zeit nach dem großen Krieg gegen Napoleon, als man - wie nach jedem Krieg - an großzügigen Aufbau dachte. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. beauftragte seinen Baumeister Schinkel, dessen Name durch die Neue Wache, das Schauspielhaus, die Bau-Akademie und das Museum am Lustgarten schon zu einem ruhmvollen Begriff geworden war, auf diesem Platz eine Kirche zu errichten. Sie sollte aber nicht mehr, wie die anderen Bauten Schinkels, das klassische Griechenland zum Vorbild haben, sondern sie sollte - dem patriotischen Geist der Zeit entsprechend - ein ,deutsches" Gesicht zeigen. Und so schuf der Meister auf dem engen Raum eine Kirche im mittelalterlichen Stil der Gotik, weil man damals gotisch für typisch deutsch hielt. Berlin kam also, im Zeitalter des Biedermeier, zu seiner prächtigen gotischen Kirche am Werderschen Markt. Um sie herum wurde das vornehme Leben immer bewegter, als Gerson 1827 sein Haus mit dem neumodisch strahlenden Licht der Öllampen erleuchtete.

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19. Die Weidendammer Brücke

nach einem Stich von Anna Maria Werner

Vor rund zweihundertfünfzig Jahren standen hier noch die alten Weiden, von denen der Damm seinen Namen hat, der die Dorotheenstadt mit der Spandauer Vorstadt verband. Mit der Spandauer Vorstadt entwickelten sich damals die Stralauer und die Königsvorstadt, die sich im Jahre 1732 bis an die Linien (daher Linienstraße), mit der, Oranienburger, Hamburger, Rosenthaler, Schönhauser, Landsberger und Frankfurter Toren ausdehnten. Zwischen ihnen und der Dorotheenstadt lagen weite, sumpfige Wiesen, nur am Fluss auf einem Damm passierbar. Und vor dem Spandauer Tor war zur Zeit der großen Pest im Jahre 1710 ein Hospital gegründet worden. König Friedrich Wilhelm I, vermachte ihm 17 Jahre später Acker und Gärten, die bis zur Invalidenstraße reichten, und als er selber von einer schweren Krankheit genesen war, noch 100 000Taler. Das Hospital wurde erweitert und erhielt den Namen "Charité“. Hundert Jahre später, als sich die Entwicklung der Stadt beschleunigte, wurde die Spandauer Vorstadt in Friedrich Wilhelm - Stadt umbenannt, viele ihrer Straßen erhielten ihre Namen nach Prinzen und Prinzessinnen des Königshauses: Karl-, Albrecht-. Luisen- und Marienstraße. Prinz Louis Ferdinand baute ein Palais an der Weidendammer Brücke und machte damit die Gegend zum Ziel der Bodenspekulation. Aber es wurde viel Geld verspekuliert. Der Sumpfboden war kein guter Baugrund: viele Häuser sind bald geborsten, und ein Haus in der Luisenstraße, das seiner lächerlich vielen Risse wegen die Spottlust der Berliner reizte, hieß im Volksmund die Sau. Dennoch wuchs die Friedrich Wilhelm - Stadt, ihr großstädtisches Aussehen verlockte, sie kam in Mode. Vor dem Oranienburger Tor entwickelte sich die Arbeitervorstadt Berlin N.

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20. Die Mauerstraße

Stich von Johann Rosenberg

Unter Kurfürst Friedrich III., dem späteren König Friedrich I, entstand die Friedrichsstadt. Nach den Entwürfen seines Baumeisters Nehring, der auch der Schöpfer des Zeughauses ist, wurden um 1700 etwa 300 neue Häuser gebaut. Im Westen der Friedrichsstadt baute man an Stelle der alten Festungswerke, die die emporstrebende Stadt beengten, eine Mauer, nach der die Mauerstraße noch heute heißt. Im Grunde diente diese Mauer nicht mehr der Verteidigung; sie war nur noch eine Zollschranke. Außerdem sollte sie verhindern, dass die Soldaten aus der Stadt desertierten. Unter dieser Einengung leidet die Friedrichsstadt bis in unsere Tage. Nur die Friedrichstraße ließ einen durchgehenden Nord-Südverkehr zu. Damals lagen innerhalb der Stadt noch fast 600 leere Bauplätze, für die auf Befehl des Königs Bauherren gefunden werden mussten. Jeder Bürger, der Geld hatte, Musste bauen, und mancher Handwerker oder kleine königliche Beamte stürzte sich deshalb in Schulden. Aber bis zum Jahre 1732 waren alle wüsten Stellen bebaut. Und weil die Häuser keine Nummern trugen, fiel es den Fremden schwer, sich zurechtzufinden. Wenn einer zum Hofrat Dufort wollte, dann war es gut, wenn er wusste, dass das Haus fast am Ende der Französischen Straße rechter Hand zwischen dem Brauer Herrn Kitzing und der Witwe Sutern, gleich dem Nagelschmied Nathan über lag. In der um das Jahr 1780 so bescheidenen Mauerstraße am Rande Berlins machten sich um 1900 Botschaften, Ministerien und das Postmuseum breit. Die Dreifaltigkeitskirche aus dem Jahr 1739, ein kleiner barocker Rundbau mit Kuppel, die durch ihren großen Prediger Schleiermacher berühmt geworden war, stand noch, erdrückt von den Baukolossen ringsum, bis auch sie der letzte Krieg zertrümmerte.

 
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